Beiträge von Eilynn

    "Richtig. Vorerst ist meine erste Liebe dem Alkohol gewidmet. Und davon reichlich und viel!" Sie schlug das Buch wieder zu und stellte auch dieses vorsichtig zurück, bevor sie sich das nächste nahm.
    "Ach Khaid..." setzte sie seufzend fort. "Wann wurde das Leben nur so kompliziert?" Sie hielt für einen Moment inne, dann schüttelte sie nur den Kopf. "Richtig. Als Männer in mein Leben traten." Mit der Zunge schnalzend, blätterte sie dieses Buch weitaus rascher durch und verbannte es ebenso rasch wieder ins Regal, bevor sie sich umwandte.
    "Oh, hätte Raja unsere Wege nur früher gekreuzt. Ich könnte heute dein Weib sein, mit zwei Bälgern am Rockzipfel, eines auf der Hüfte und ein weiteres bereits auf dem Weg. Ach und sehnsüchtig würde ich deine Wiederkehr von langen, abenteuerlichen Reisen erwarten, während ich der Pflichten eines Hausweibes gewissenhaft frönen würde." Für einen Moment schien sie in Vorstellungen zu schwelgen, die sich vor ihrem inneren Auge abspielten bevor sie hell zu lachen begann und wieder auf den Tisch heran schritt.
    "Doch stattdessen habe ich eine pochende Wange von einer Wirtshausschlägerei, einen Seelenstein, den ich gewillt bin, in den nächsten Ozean zu werden und keinen Met mehr. Apropos Met..." Sie blinzelte wieder zu ihm auf. "Du hast mir ein Glas besten Tropfens versichert!" Grinsend hievte sie ihren Körper auf die Tischkante und lies die Beine baumeln.
    "Was denkst du, werden wir dieses Jahr erleben? Ich meine, wie oft werde ich dich zusammenflicken müssen? Und wie oft wirst du wohl von Orks überfallen werden? Oh und ob wir diesen Frieden erreichen werden? Was ist eigentlich aus dem Vorwurf geworden, dieses eine Lager im Reich der Rosen würde mit Menschenblut handeln?"

    "Tsa kann ihren Segen belassen wo die Sonne Albernias niemals hinscheinen mag. Sehe ich aus als wäre ich an einem Balg an meinem Rockzipfel interessiert? Pah." Sie winkte ab und begann erneut mit ihrer Wanderung durch das Zelt.
    "Zudem mir das Mannsvolk fehlt und ich dem Klang des Wortes Amazone durchaus etwas abgewinnen kann. " Ohne sich zu ihm umzuwenden, blieb sie vor einem Regal stehen, in dem ein paar Bücher lagerten. Wahllos griff sie nach einem, vorsichtig und behutsam als wäre das das einzige Kleinkind, dem eine solche Behandlung zuteil werden konnte.

    "Nein. Uthred ist ein Wanderer. Er wird schon wieder auftauchen. Weshalb die Bekümmnis in der Stimme?" Sie blickte über die Schulter hinweg zu Khaid zurück. "Vermisst du ihn etwa?" Schmunzelnd kehrte der Fokus zurück auf dem Buch, welches sie nun aufschlug und langsam zu blättern begann.
    "Hm. Nun wir wollen doch sehen ob Rahja nicht bald auch dein Leben versüßt. Nun, da ich auf dem Feldzug keine Hintern mehr außer deinem zu retten habe, habe ich mehr Zeit, mich um dein Liebesleben zu kümmern. Ich bin mir sicher, dass sich da etwas machen lässt." Am Ende des Buches nach wahllosem Blättern angekommen, stellte sie es wieder behutsam zurück und zog ein weiteres hervor.
    "Natürlich habe ich deine Hände ohne Handschuhe gesehen. Ich will fast meinen, guter Freund, dass ich deine Hände öfter ohne Handschuhe als mit gesehen habe! Was sagt uns dies?"
    Wieder blinzelte sie mit Schelm in den Augen zu ihm zurück.

    "Aber selbstredend. Das hier, habe ich mir sagen lassen, soll starke Wetterfühligkeit lindern." Ihre Finger glitten hinüber zu einem dünkler wirkenden Kraut mit zackigen Kanten, von dem ein herber Geruch ausging.
    "Das hier soll Schwangeren Linderung verschaffen. Vor allem was ihre Übelkeit und Übellaunigkeit betrifft. Kann ich jedoch nicht bestätigen." Grinsend hielt sie einen Stängel mit hellen, herzförmigen Blättern vors Gesicht und blinzelte an diesem vorbei zu ihm nach oben.
    "Ach. Papperlapapp. Ich gebe mich nicht mehr mit Männern ab. Das ist Geschichte." Sie warf das herzförmige Kraut zurück auf den Stapel und stieß sich vom Tisch ab, um sich erneut auf ziellose Wanderschaft durch den Raum zu begeben. Hier und da blieb sie stehen und schien sich auf das eine Fläschchen, das eine Kraut oder ein anderes Utensil näher zu konzentrieren - wohl aber nur, um ihre Gedanken zu ordnen.
    "Uthred treibt sich irgendwo herum. Ich habe gehört dass er dieses Jahr wieder mitkommt, aber alles nur Gerüchte. Wer weiß schon. Kolyan und Cereus sind in der Stadt geblieben. Beim Schiff. Sie werden beim Feldzug wieder auf uns treffen. Und mit Piraten..." Sie spuckte die Worte förmlich in den Raum. "Habe ich nichts mehr zu tun. Efferd soll sie alle holen."
    Die Schultern zuckend, wie um sich selbst zu beweisen, dass ihre Worte der Wahrheit entsprachen, wandte sie sich nach ein paar weiteren Schritten wieder herum und bemühte sich, mit verschränkten Armen, zu einem Lächeln.
    "Was ist mit dir? Welches Weib hat bereits dein Herz erobert? Ist es die Heilerin, die dich unterstützt? Oder bist du gar in diesen Landen fündig geworden? Ist es keine Aventurierin? Oder schlägt dein Herz nach wie vor nur für die verlorenen Seelen auf deiner Bahre? Dann müssen wir dem im Tross entgegenwirken. Ich habe dort letztes Jahr Kontaktanzeigen von diversem Weibsvolk gesehen. Und Kolyan hat ohnehin vor ein Hurenhaus zu eröffnen. Er hat große Ambitionen! Und wenn mir Mannsvolk hinterher schaut, dann deinem Heiler Hinterteil erst recht! Weibsvolk, so habe ich gehört, bevorzugt harte Hände, die sie gleichzeitig auch sanft zusammenflicken können!"

    Auflachend, winkte sie seinen spitzen Seitenhieb beiseite.
    "Natürlich hatte ich nicht erwartet, dich hier zu treffen. Ich hatte schon befürchtet, dass du die anderen begleitet hast, um Urukars Seelenstein in die Heimat zu bringen. Ich hatte überhaupt nicht erwartet eine bekannte Seele hier anzutreffen. Insofern - der Abend hat sicherlich nicht die Wendung erhalten, die ich erwartet habe. Wohl aber eine, die ich sehr begrüße!"
    Die Beine überschlagend, strich sie sich eine ihrer widerspenstigen, dunklen Strähnen aus dem Gesicht.
    "Das ist gut. Dass du Unterstützung erhälst, meine ich. Du kannst sie gebrauchen. Du überarbeitest dich sonst noch und dann wüsste ich nicht, was ich tun sollte. Ich meine, dich vor den Fängen des Schwarzen Eises zu befreien ist die eine Sache. Damit kenne ich mich ja mittlerweile gut aus. Aber Überanstrengung?" Lächelnd zuckte sie nur die Schultern.

    "Mir? Oh. Hervorragend. Einsam, ein wenig. Kolyan und Cereus sind einfach nicht die Begleiter, mit denen man lange unter Deck verbringen kann. Auch wenn sie durchaus einige Geschichten mitbringen. Aber gesehen haben wir viel. Ich war in einem Land, dass von Nebel umgeben war. Gänzlich. Das musst du dir vorstellen. Man geht durch diesen Nebel und dahinter liegt ein ganz anderes Land. Böse, durch und durch. Ich habe Gestalten gesehen, die mich noch heute in meine Träume verfolgen, wahrlich." Ihr eigenen Worte brachten sie zum Erschaudern. Sich etwas aufrichtend, atmete sie tief durch.
    "Ansonsten war ich viel auf See. In den Städten habe ich Kolyan begleitet - er hat ein Händchen für gute Geschäfte. Er hat uns versorgt - mit Waren, mit Handel und mit Geld. Und dass obwohl er mir noch einiges an Silber schuldet."
    Ihr Blick begann durch den Raum zu gleiten.
    "Oh und ich habe einige Kräuter mitgebracht, vielleicht kannst du etwas damit anfangen." Sich zur Seite drehend, fischte sie nach und nach getrocknete, teilweise in bunten Säckchen aufbewahrte Kräuter heraus, die teilweise wohltuende, teilweise intensive Aromen im Zeltinneren zu verteilen begannen.
    "Manche davon kenne nicht einmal ich, aber ich konnte nicht widerstehen und habe gleich an dich gedacht." Aufspringend begann sie die einzelnen Kräuter vor ihm auf dem Tisch aufzubreiten. Manche davon waren ausführlich beschriftet mit Namen, die ihm durchaus was sagten, andere waren ihm womöglich unbekannt. Als sie fertig war, strahlte sie ihn an wie ein kleines Kind, dass gerade erfolgreich eine gesamte Erdbeerernte eingebracht hatte.
    "Ich hoffe du kannst etwas damit anfangen."

    Seine Worte entlockten ihr ein noch breiteres, intensiveres Lächeln. Man konnte ihr ansehen, wie sehr sie das hier vermisst hatte - die Wärme, eine vertraute Umgebung, eine vertraute Gestalt, die Ruhe, die er ausstrahlte und die Geborgenheit, die mit ihr kam. Zuhause.
    Als er derart schwulstig zu sprechen begann, lachte sie hell auf und ließ sich in den Sessel fallen, glucksend zu ihm aufsehend. Sie wirkte entspannt und zufrieden.
    "Wonach es mich dürstet? Nach Abenteuern, lauen Nächten in Tavernen, Gelächter von Freunden. Nach den Sternen, nach dem Meer, nach der Stille des Ozeans. Nach den Träumen, die der Wellengang mit sich bringt, nach Gesang am Lagerfeuer. Nach guten Geschichten, nach tapferen Recken und gebildeten Weisen, nach Klingenspiel, nach gutem Essen - aber zuallererst, nach irgendetwas, was du hast und was die Kehle hinunter brennt. Der Abend hat nicht unbedingt den Ausklang bekommen, den ich erwartet hatte, als ich heute morgen mit dem Schiff hier angelegt habe."
    Tief durchgeamtet, entspannten sich ihre Züge etwas.
    "Wie ist es dir ergangen? Ich habe gehört, du hattest viel zu tun. Ein Mädchen dass von den Klippen gestürzt ist. Bist du der einzige Heiler des Lagers? Überanstrengst du dich auch nicht?" Ihr Blick wurde bohrender, glitten über seine Züge um nach Anzeichen der Erschöpfung zu forschen, die sie sicherlich finden würde, so wie sie ihn kannte.

    Ihr Kopf hob sich an, das Kinn spitz in seine Brust drückend, die blauen Augen zu ihm empor angehoben. War das leichte Glitzern darin Spur der Erschöpfung oder Freude des Wiedersehens, gar die des vermeintlichen Heimkommens? Für einige Momente verharrte die junge Albernierin in dieser Position, ehe sie tief durchatmete und ihr Lächeln sich intensivierte. Unter seinen Händen konnte er spüren, wie Anspannung und etwas anderes von ihr abzufallen begannen wie unnützer Ballast, den sie bis hierher auf diesen Berg mit sich getragen hatte.
    "Ich habe dich vermisst!" Wiederholte sie leise, bevor sie sich mit einem plötzlichen aber gekonnten Griff zweier Finger in seine Seite aus seiner Umarmung befreite und ein paar Schritte zurücktänzelte. Zu dem Lächeln auf den Lippen mischte sich ein Leuchten in den Augen, als sie die Hände in die Seite stemmte und ihn von oben bis unten musterte.
    "Gut siehst du aus, mein guter, alter Freund. Die Zeit ohne mich hat euch gut getan." Schelmisch glucksend nickte die junge Frau ein paar Mal, wie um sich ihre eigene Worte wiederholt selbst zu bestätigen, bevor sie sich kurz umsah, etwas zu suchen schien.
    "Beherbergt dieses herrliche Zelt Alkohol? Und damit meine ich nicht jenen zur Desinfektion, denn darum wurde sich bereits gekümmert." Ihre Lippen verzogen sich etwas und in den flackernden Kerzenschein getaucht offenbarten sich nicht nur eine getrocknete und gereinigte Platzwunde an ihrer Lippe sondern auch ein dunkler Fleck auf ihrer Wange, der nicht alleinig von dem über ihr Gesicht tanzenden Schatten kommen konnte.

    "Du hast mir viel zu erzählen!" Nur kurz glitt ihr Blick zur Zeltplane, die sich gerade wieder zu schließen schien und ihre beiden Retter in der Dunkelheit zu verschlucken schien, bevor die hellen Augen sich wieder auf seine Gestalt fokussierten.

    "Und ich bin auf jede einzelne Geschichte davon gespannt!"

    Sie merkte, wie ihr Herz mit jedem Schritt, dem sie sich dem Zelt näherte, schneller zu pochen begann. Das Blut rauschte so lautstark durch ihre Ohren, dass die junge Frau unbewusst beide Begleiter einfach mehr und mehr ausblendete, ihr Fokus alleinig auf dem Zelt liegend.
    Als die Zeltwand zur Seite geschoben wurde, blieb sie stehen, ihre blauen Augen durch den Eingang ins Innere huschend, sich umsehend, prüfend, wartend. Abschätzend. Als sich seine Gestalt in ihren Visus schob, spürte sie wie ihr Herz einen Sprung machte und plötzlich war alles vergessen. Der Streit in der Taverne. Die rügenden Worte. Die Hiobsbotschaft um William. All dies wich einer weitaus stärkeren Emotion, die sie in diesem Moment wie ein Tsunami schlichtweg überrollte: Freude.
    Losstartend huschte Eilynn durch die angehobene Stoffbahne und hinein in die Wärme des Innenraumes, der durch Kerzen in orangefarbenes Licht getaucht worden war.
    "Khaid!" Rief die junge Albernierin und hatte wenig später bereits ihre Arme um seinen Hals geschlungen, ob seiner Größe halb auf Zehenspitzen tänzelnd, seinen persönlichen Freiraum komplett ignorierend und ihr Gesicht in seiner Brust vergrabend.
    "Khaid! Was habe ich euch vermisst! Oh wie gut es tut ein mir bekanntes Gesicht zu sehen nach alledem!" Sie schlang die Arme nur noch fester, eine Zehenspitze halb in der Luft schwebend.

    Ihr Blick schweifte zurück zu dem erleuchteten Zelt, welches immer näher zu kommen schien. Mit jedem Schritt wuchs auch ihre Nervosität, ihr pochendes Herz in der Brust nur der Vorbote all der Fragen, die in diesem Moment in ihrem Kopf herumschwirrten.

    "Nun, ich habe in meinem Elternhaus etwas über die Heilkunst erfahren. Ich kann also durchaus auch im Lazarett aushelfen oder später, wenn jemand Tinkturen oder Kräuter benötigt." Sie zuckte leicht mit den Schultern, musterte erst Phex und dann Nef.
    "Seit meiner Ankunft auf Mythodea habe ich allerdings von meinen Heilkünsten recht wenig anwenden können, da ich meist diejenige war, die darauf angewiesen war." Begleitet wurden ihre Worte von einem unsicheren Lächeln, ehe der Blick wieder voran glitt.

    "Jedoch bin ich wissbegierig kann schreiben und lesen und bin bereit, neues zu erlernen, wenn die Umstände es erfordern. Was sie wohl werden, wenn ich euren Prophezeiungen lausche." Erneut glitten die blauen Augen zu den Seiten.
    "Mit was verdingt ihr euer Brot?" Ihre Frage galt dieses Mal mehr Phex als Nef.

    "Von einer Klippe gestürzt?" Die Rothaarige wandte den Kopf zur Seite und blinzelte Nef mitleidig entgegen. "Das arme Ding. Ich meine...ist sie wirklich gestürzt oder...nun ja..." sie vollführte eine etwas hilflos wirkende Kreisbewegung mit ihrer Hand. Ihre Ketten am Hals klingelten dabei leise.
    "Aber vermutlich macht es keinen Unterschied." Leicht den Kopf schüttelnd atmete sie tief durch und blinzelte dann wieder nach vorne, zu dem Zelt, das in das warme Licht der untergehenden Sonne getaucht war und hinter dessen Zeltwand Schatten über das weiße leinen tanzten.
    "Tiere, wie? Ja. Natürlich. Warum fragt ihr?" Ihre Augen verengten sich etwas, eine Spur Misstrauen erschlich sich seinen Platz in ihrer Mimik. "Welche Art von Tieren? Zählt ihr Krabbeltiere zu Tieren? Kleine, meine ich. Sehr kleine. Spinnen und derlei. Ratten? Ich bevorzuge sie etwas größer. Meine Tiere. Früher bin ich viel geritten - wir hatten einige Pferde bei uns am Hof. Und Hunde und Katzen. Eulen. Anderes Gefieder - das Geflügel war recht amüsant und eigensinnig. Oder Delphine, die den Bootsbug umgarnen, wenn das Schiff durch die Gischt jagt. Solche Tiere mag ich. Aber zurück zu euch - warum die Frage?"
    Immer wieder wanderte ihr Blick zurück gen Zelt. Es war etwas Zeit vergangen seid sie Khaid das letzte Mal gesehen hatte.

    Und jetzt war er alles, was ihr geblieben war.

    Die Erwähnung Urukars ließ einen Schatten über das Gesicht der Frau huschen, die ihre Augen zu Boden senkte und schwer einatmete.

    "Ja. Ich war dabei. Nicht als er fiel, aber ich kannte ihn gut genug und ich war dabei, als sie ihn ins Lager brachten. Und bei der Abschiedszeremonie."

    Sie nickte ein paar Mal, wie zu sich selbst, dann blickte sie blinzelnd wieder gen Erik, ein bemühtes Lächeln auf den Lippen.

    "Aufbruch sagt ihr. Dann bin ich gerade noch rechtzeitig eingetroffen. Habt dank für eure Worte. Mögen die Zwölfe euch beschützen." Fast schon freundschaftlich legte sie ihm eine Hand auf die Schulter, bevor sie an ihm vorbei und ins Lager schritt, aufmerksamen Blickes.


    (Wechsel zu Forum: Reich der Rosen / Taverne Kelch und Rose)

    Die Worte des Wächters entlockten Eilynn ein kurzes, aber herzliches Auflachen.

    "Langsam, langsam, guter Herr. Meine Reise war lang, meine Knie schwach und mein Körper sowie Geist dürsten nach etwas um die neuen Erfahrungen hinunter zu spülen." Sie hob beschwichtigend die Hände an. "Jedoch berichte ich euch alles aus der Heimat, sobald ich dies nachgeholt habe - allerdings war ich nicht lange in der Heimat, muss ich bedauernd zugeben. Ursprünglich stamme ich aus Albernia, jedoch habe ich Havena schon eine ganze Weile nicht mehr gesehen. Mein letzter Weg zog mich in kühlere Gefilde, nach Thorwal, wo ich einige Freunde hin begleitete und andere abetzte, bevor ich mich sogleich nach hierher auf die Reise machte. Ich kann euch nur von kargen Geschichten berichten, die ich in den spärlichen Tavernen aufgeschnappt habe, die ich in der kurzen Zeit besucht habe." Lächelnd warf sie einen kurzen Blick hinter ihn ins Lager, auf der Suche nach einem bekannten Gesicht.
    "Erik war euer Name, richtig? Ich bin Eilynn. Eilynn o'Mara und ich verspreche euch hier und jetzt auf mein Schiff, dass ich euch berichten werde, was ich weiß - jedoch erst nachdem ich etwas getrunken und gerastet und eventuell alte Freunde begrüßt habe." Sie streckte ihm die wettergegerbte und durch die Zeit auf See zerschlissene Hand entgegen, ein breites Grinsen sich langsam auf ihrem Gesicht formend.
    "Abgemacht?"

    Während der Junge eifrig vor ihr hermarschierte, wanderte Eilynns Blick ziellos umher, glitt über die weißen Häuserfassaden, das bunte Blumenmeer, den steinigen Untergrund über den ihre Füße wandelten und schließlich auch zurück zum Meer, das glänzend unter ihnen wogte. Ihr Schiff schwankte sanft von einer Seite zur anderen, die weißen Segel eingerollt an den Masten schlummernd. Nach und nach begannen die Gespräche des Hafens sich in ein stetes Summen zu verwandeln, dessen einzelne Quellen nicht mehr auszumachen waren. Der Handel wurde unter ihnen fortgeführt, Hände wild gestikulierend angehoben, Waren lautstark an den Mann gebracht und hart befeilscht. Der Wind, der mit steigender Höhe zunahm, trug nun neue Gerüche an sie heran - sandigere Böden, frischere Meeresluft, die erdrückenden Gewürzmischungen hinter sich lassend. Bald schon keuchte sie ob des langen Aufstieges, ein dünner Schweißfilm begann sich auf ihrer Stirn zu bilden und sie blieb mehrmals kurz stehen, um sich wieder zu fangen. Nicht mehr weit, versuchte sie sich zu sagen, obwohl sie nicht einmal wusste, wo das Lager der Aventurier genau war. Vom Meer aus hatte sie zwar die Banner erkennen können, aber hier, an Land und inmitten der Stadt war plötzlich alles anders. Irgendwo begannen Grillen zu zirpen, ihren Weg mit wellenartigen Schwingungen begleitend. Als das Lager endlich in Sichtweite kam, schickte Eilynn ein Stoßgebet an alle Zwölfe und richtete sich auf, die Schultern zurückschiebend und tief durch atmend. Bald war sie wieder so etwas wie Zuhause,

    Der Wache zunickend, steckte sie dem Jungen das versprochene Silber zu und lächelte.
    "Den Zwölfen zum Gruße."

    Der Wind hatte nachgelassen, als das Schiff langsam auf den Hafen zusteuerte. Sie brüllte die letzten Befehle an eine Crew, die eifrig daran war, ihre Aufgaben rasch und gewissenhaft zu erledigen. Keiner wollte mehr Zeit verschwenden als nötig, jeder endlich in die empfangenden Hände einer warmen Taverne stolpern, die als gutes Weib reichlich mit Gebräu und ausgiebigem Essen zu versorgen wusste.

    Das Anlegen ging rasch von der Hand, Geld wechselte den Besitzer, dann wurde der Boden fest unter den Füßen, schwankte nur leicht hie und da, als Eilynn einen Stiefel vor den anderen setzte und mit festen Schritten auf den Hafen zusteuerte, der zu dieser Stunde immer noch mit Leuten verschiedenster Herkunft nur so wimmelte. Hinter ihr verteilte sich die Crew wie ein Haufen aufgescheuchter Hühner in alle Richtungen. Sie würde keinen davon für eine ganze Weile wieder sehen.

    Eine Welle an Geräuschen und Gerüchen mannigfaltiger Art schlug ihr schon von weitem entgegen. Sie schloss die Augen und atmete erst einmal durch. Es war warm, aber nicht stickig, angenehm und einlullend, Erinnerungen längst vergangener Tage ins Gedächtnis rufend. Die Stadt, die vor ihr am Hügel sich anschmiegend emporkletterte, hatte überraschend viel an tulamidischem Flair – weiße Lehmhäuser eng aneinander gereiht, durch die sich verwinkelte Gassen wie Adern zogen, wirr und verwegen, hinter jeder Ecke ein neues Abenteuer lauernd. Vor den Fenstern höherer Stockwerke waren bunte Kleidungsstücke zum Trocknen aufgehängt worden, die nun sanft in der lauen Brise des Nachmittags tanzten. Blumen in leuchtenden Farben zierten die Häuserfassaden einzelner Gebäude, vor denen Frauen in verschiedensten Roben tagtäglichen Tratsch austauschten, während Kinder schreiend und lachend einander durch die Gassen jagten. Die Luft war erfüllt von süßem Tee und Rauschkraut, von Geplänkel und Gezeter, von Geschäften und alltäglichem Getratsch. Jemand bot ihr eine Arange an, die sie dankbar annahm. Datteln und Wein wurden neben bunten Stoffen und verschiedensten Gewürzen in Fülle alle paar Schritte auf rasch zusammen gezimmerten Marktständen aus Holz angeboten. Ein angenehmes Gefühl von Geborgenheit und Zuhause beschlich sie, selbst wenn das albernische Klima ein ganz anderes war.

    „Miss! Miss!“ Jemand zupfte an ihrem Mantel. Sie blinzelte erst gegen die Sonne, dann an sich hinunter. Vor ihr stand ein kleiner Junge, kaum 10 Winter alt, sein Gesicht mit so viel Dreck versehen, dass es beinahe aufgemalt wirkte. Die kurzen Haare standen ihm in alle Richtungen ab.

    „Miss. Ein paar Kupfer vielleicht? Ich kann ihnen die Stadt zeigen, Ihnen ein Bote sein, wenn Ihr wollt. Ich kenne mich überall aus, Miss!“ Auffordernd streckte er ihr die dreckverkrusteten Handflächen entgegen. Die Lippen schürzend, eine Augenbraue langsam nach oben wandernd, wog Eilynn ab.

    „Nun gut, aber lass es mich nicht bereuen, Kleiner.“ Sie drückte ihm das geforderte Geld in die Hand und nickte dann in Richtung der Stadt. „Ich suche das Aventurische Lager. Bring mich dort hin, ohne dass ich auf dem Weg ausgeraubt werde und ich geb dir ein Silber.“ Zwinkernd setzte sie sich in Bewegung, während der Junge sie japsend überholte und in großen Schritten vor ihr her hüpfte.