Beiträge von Khaid Harunianson

    "Was heißt schon vermissen", begann der Heiler nachdenklich während sein Blick ihr aus müden Augen folgte, "er gehört nun einmal irgendwie dazu, auch wenn er ziellos über die Meere irrt oder noch so avesgefällig umherwandert, ohne festes Ziel vor Augen." Sachte nickte er daraufhin, als wolle er seinen Worten einen Hauch von Nachdruck verleihen.

    "Dazu erfreue ich mich schlicht an jeder Thorwalerseele in unseren Reihen, die im Namen des Gottwals auf den Feldzug geht. Und ich weiß gar nicht, ob es in diesem Jahr ausschließlich Ragnar und Uthred sein werden, oder ob es ein unerwartetes Wiedersehen mit irgendjemandem geben wird."

    Schlussendlich blieb seine Aufmerksamkeit an dem Buch zwischen ihren Fingern hängen, dessen Einband er aus der Distanz und ob der zunehmenden Dunkelheit nicht entziffern konnte. "Darf oder muss ich mir ansonsten Hoffnung oder Sorgen machen, so sehr wie du dich offenbar um mein Liebesleben kümmern möchtest? Habe doch nicht etwa eine Verehrerin, die ich bislang in Ermangelung von Kenntnisnahme verschmäht habe?"


    Seine Mundwinkel zuckten nach oben, dann pausierte Khaid einen Augenblick, ehe er verhalten lächelnd einige Worte anfügte:


    "Ah, nein, mit den Herren der Schöpfung bist du ja durch.. Bedauerlich."

    Unverhohlen sah der Therbûnit zu Eilynn als sie mit den Blättern vor seinem Gesicht wedelte und ihn angrinste, wie es ein Schelm nicht hätte besser machen können. Seine Frage, so viel war ihm klar, würde jetzt womöglich irritieren: "Ich wusste gar nicht, dass du bereits Tsas Segen empfangen hast. Kolyan oder Cereus?" Seine Mundwinkel zuckten vor Amüsement, dann folgte er ihr mit dem Blick als sie den Gedanken an Männer einmal mehr verwarf. "Wirst du also zur Amazone, Eilynn? Keine Männer mehr, ganz keusch? Nicht mehr den Einen suchen?"


    "Uthred ist also gar nicht bei euch?", fragte er dann eher irritiert als sie erneut das Thema wechselte. Bedauerlich, dachte er sich, schließlich war ihm der Knabe durchaus sympathisch gewesen und es wäre sicher nur lustiger geworden, mit einem weiteren Thorwaler in der Nähe. Auch er zuckte dann jedoch kurzerhand mit den Schultern und lehnte sich mit dem Gesäß am Tisch an, den sie eben noch umrundet hatte.


    "Sie heißt Peraine", entgegnete der Heiler schließlich nach einer kurzen Pause.


    "Einer besseren, gütigeren Frau bin ich nie begegnet", fuhr er schmunzelnd fort. "Auf menschlicher Seite hingegen ist es bislang keiner gelungen, mein Herz im Sturm zu erobern. Meine Helferin mag ich, doch bin ich weder ein Freund von Romanzen am Arbeitsplatz, womit ich auch meine Patienten erst einmal ausschließe, noch würde ich mich dem Empfinden nach gegen Rahja oder Travia stellen und zwei, die zueinander gefunden haben wie Nepheruna und Feqzjian, voneinander trennen wollen. Das wäre nicht ich. Kontaktanzeigen sind ebenso wenig meine Art wie der Gang zu Dirnen. Ich bin wohl einfach ein hoffnungsloser Romantiker, der sich einfach von Rahja überrumpeln lassen möchte ."


    "Und mein Hinterteil sieht man doch kaum, bei dem vielen Stoff. Ich bin züchtiger gekleidet als jede angehende Praios-Novizin."


    "Und hast du meine Hände je ohne Handschuhe gesehen? Weich wie der Hintern eines Neugeborenen", scherzte er - oder nicht? Khaid konnte sich jedenfalls zu einem Lachen durchringen, das heiter wirkte. Kurios.

    Stirnrunzelnd sah Khaid zu Eilynn zurück, als sie die Möglichkeit eines Wiedersehens infragestellte. Nicht, weil er es ihr übel nahm, sondern weil er an die Wochen vor der Abreise seiner Freunde denken musste - und wie schwer es ihm bisweilen gefallen war, nach all den Jahren vorerst Abschied nehmen zu müssen.


    "Ich habe lange überlegt", eröffnete er dann und pustete die Luft scharf aus. "Ob ich mitgehe... Sie sind mir über die Jahre doch mehr ans Herz gewachsen und ich habe mich der Ottajasko verpflichtet, aber..." Khaid pausierte einen Moment und rang sichtlich mit sich. "Aber die Aventurische Allianz ist ebenso ihr Kind, wie das meinige und so sehr man an einigen Dingen hier zweifeln mag, so richtig und wichtig ist es wahrscheinlich dennoch, dass wir hier sind. Denke ich. Wenn sie nur halb so couragiert sind, wie ich sie kennengelernt habe, werden wir uns aber ohnehin eines Tages hier wiedersehen - oder eben an Travias Tafel."


    Wohl um sich abzulenken, lenkte der Heiler aus Zorgan die eigene Aufmerksamkeit auf die Kräuter. "Danke, Kräuter kann man nie genug haben. Auch wenn ich wohl Unterricht in Kräuterkunde bei dir werde nehmen müssen, damit ich auch den Wert derer erkenne, die mir fremd sind. Hast du dich näher damit beschäftigt?" Mit einem kurzen Handgriff löste Khaid den Verschluss seiner Tasche und holte einen Handschuh hervor, um die fremden Kräuter aus nächster Nähe inspizieren und kurz an ihnen riechen zu können.


    "Von der Einsamkeit wirst du dich hier jedoch verabschieden müssen. Es gibt hier genug Männer, die gerne Zeit mit einer unverheirateten Frau verbringen möchten - ob nun unter oder über Deck. Und die Beiden, Kolyan.. Cereus.. dieselben, die dich auch letztes Jahr begleitet haben, die am Feuer saßen, während du erheitert in den Armen deines Piraten lagst? Und was ist eigentlich aus Uthred geworden, ist er mit den Thorwalern mit oder habt ihr ihn irgendwo verloren?"


    Khaid schmunzelte und blickte von den Kräutern einen Augenblick auf. Er wäre nicht er, hätte er es irgendwie anders ausgedrückt.

    "Der Abend hat nicht unbedingt den Ausklang bekommen, den du erwartet hast?", wiederholte der Heiler mit einem Hauch gespieltem Argwohn in der Stimme. "Bin ich denn nicht die angenehme Gesellschaft, auf die du hofftest?", hakte er nach und betrachtete die Seefahrerin, bevor er eine abwinkende Geste machte. "Schon gut."


    "Viel zu tun ist gut. Ja, wir hatten kürzlich viel mit Alrike zu tun, dem unbekannten Mädchen das von der Klippe fiel. Bislang konnte niemand sagen, wer sie ist, wie sie heißt. Sehr wahrscheinlich ein Waisenmädchen. Am schwierigsten war, was die Überarbeitung anbelangt, jedoch die Zeit kurz nach unserer Ankunft. Die ganzen Verwundeten, die in ein neues Klima kamen, die Seereise teils nicht vertrugen, wieder krank wurden... ein Elend."


    Khaid atmete tief durch. Es war ihm anzusehen, dass er einige Umstände der Belagerung und ihrer Spätfolgen wohl noch nicht gänzlich verdaut hatte. "Jedoch habe ich, glücklicherweise, eine weitere Peraine-Geweihte hier - Kaira - und obendrein ist Nepheruna eine, sehr, große Hilfe."


    "Aber lass uns nicht über die Arbeit reden. Wie ist es dir ergangen, Piratin?", versuchte er das Thema mit einem knappen Schmunzeln zu wechseln. Ja, bei allen Zwölfen, er wollte gerade nicht wirklich an die Arbeit denken. Dafür vergeudete er tagsüber bereits genug Zeit. Eher beiläufig langte der Heiler anschließend nach seinem Becher, um sich einen Schluck Wasser zu genehmigen.

    Skeptisch beäugte der Heiler die fünf Herumstehenden und stellte sich bei seiner Ankunft neben einen der Arbeiter.


    "Gibt es hier irgendetwas umsonst?", fragte er nach einem Moment und fuhr dann fort, "Falls nicht, meine Herren, bitte ich darum weniger schaulustig zu wirken und etwas Abstand zu nehmen, damit der Heiler seine Arbeit machen kann. Außer ihr wurde ebenfalls angefallen. Dann bleibt und setzt euch. Die beiden Fingerfertigsten von euch dürfen ansonsten bleiben, da ich womöglich eine helfende Hand benötigen werde. Der Rest darf sich gerne ein Stück entfernen - oder ihr sucht jemandem, der wichtig ist, dem ihr von diesem Vorfall berichten könnt. Macht unter euch aus, wer was tut. Danke."


    Noch während er den Arbeitern zum Abschluss seiner Worte zunickte, zog er sich ein Paar weiße Handschuhe über und begutachtete nacheinander, behutsam und vorsichtig, die vorliegenden Verletzungen der Arbeiter.


    OT

    Seufzend drehte der Zwölfgöttergeweihte der fremden Gestalt erst den Kopf, dann auch den Rest seines Körpers zu. Es war ja nicht so gewesen, dass er schon zur Turney vor dem Umgang mit Ratten gewarnt hatte, als sie dachten das Werfen dieser Tiere wäre eine geeignete Attraktion für ein Fest. Für die Turney hatte er Turnierwaffen vorgeschlagen, auch das war abgelehnt worden. Vielfalt war das eine, Chancengleichheit das andere und die Sicherheit das wichtigste. Dazu musste er sich zwangsläufig fragen, weshalb die Leute immer zuerst nach seinem Namen riefen, wenn irgendjemand verletzt war, gleich wie schwer die Verletzung auch ausfiel.


    Zugegeben: Er leitete das Siechenhaus. Doch was würde er tun? Sich das Ganze ansehen und die Leute bei schwereren Verletzungen zum Siechenhaus transportieren und behandeln - lassen. Möglicherweise war im Siechenhaus aber auch schlicht niemand zugegen, es sollte solche Tage geben, auch wenn er sie nicht gerne sah. Die grundsätzliche Frage, ob seine Anwesenheit unbedingt erforderlich war, stellte er sich dennoch. Nein, war sie nicht. Würde er dennoch gehen und dem Ruf folgen? Natürlich, die Gebote seiner Göttin konnte er nicht einfach außer Acht lassen. Auch wenn er allmählich mehr Struktur in das Siechenhaus bringen sollte, damit sie auch verstanden dass einem Leiter die Möglichkeit gegeben werden musste zu verwalten. Würde er weiterhin jede Behandlung selbst durchführen müssen, sollte er sich ansonsten jemanden suchen der ihn von den Pflichten der Verwaltung entband.


    Eventuell hatte Lechdan Interesse daran.


    "Wir vertagen das, es bleibt uns keine andere Wahl, wenn Kreaturen des verstümmelten Gottes Quingard unsicher machen", antwortete er Dorian.


    Khaid warf die Gugel zurück und setzte an, dem Boten zu folgen. Ach, hoffentlich konnte er seinen Gedanken so lange festhalten.


    "Dann los, Bote, führe er mich hin!"

    Die Antwort des fuchstreuen Recken entlockte Khaid nicht weniger als ein Schnauben. Kaum, dass er die Gedanken an die Elementtreue abgeschüttelt hatte, rieb ihm Dorian diplomatischen Firlefanz unter die Nase. Ein Obsthain gehörte schlicht und ergreifend in die Hände der Kirche der Gebenden, doch offensichtlich steckten die Anderen weit mehr zurück als er es überhaupt bereit war und dieser Umstand offenbarte Herausforderungen, die ihm nicht all zu sehr schmeckten.


    "Gehen wir, fangen wir mit Hain und Heim an", reagierte er mit ernsterer Miener als zuvor. Diese Worte hatten Begeisterung gekostet.


    Während die Beiden über die Quingarder Wege spazierten, haderte Khaid mit sich, wie er weiter vorgehen sollte. Hätte er es Dorian erklären müssen, für ihn noch verständlich, schwankte er wohl zwischem stillem, tiefen Wasser Aquas und dem womgöglich ignisgefälligen Vulkanausbruch - nur um sich am Ende für einen Mittelweg zu entscheiden. Typisch.


    "Wenn es nicht anders geht", murrte der Therbûnit als sie sich dem Obsthain näherten. Ihm gefiel nicht, was gesagt wurde. Doch dann kam ihm, vielleicht, die zündende Idee das Problem zu umgehen. Vorerst. "Aber vielleicht doch. Ich schlage einen Handel vor", begann er und nickte zwei, drei Mal zustimmend zu den eigenen Worten. Es schien fast so, als hätte Praios ihn erleuchtet. Auch wenn das ob des gewählten Mittelwegs eher auszuschließen war.


    "Du als Verwalter schließt mit dem Leiter des Siechenhauses einen Pachtvertrag für den Hain über vorerst 12 Götterläufe zum Preis eines symbolischen Kreuzers. Wir kümmern uns um die Pflege des Hains. Du gerätst in keinen diplomatischen Konflikt. Und, so Peraine es will, wird der Leiter dieses Siechenhauses in den kommenden Jahren, zumindest bis zu unserer beider Tode, ohnehin stets ein Diener der Gütigen sein. Es hängt dann jedoch nicht an meinem Namen, sondern an der Position die ich innehabe."


    Khaid blickte aufmerksam zu seinem Begleiter.


    "Wie stehen Euer Gnaden dazu?", hakte er nach einem kurzen Augenblick forsch nach.

    "Es bleibt wohl abzuwarten, ob ich mich je wirklich damit werde anfreunden können, dass die Elemente von einigen hier auf eine Stufe mit den Zwölfen gestellt werden. Falls ja, werde ich derlei wohl vermitteln können oder dürfen und falls nicht, werde ich auf Vergus zurückgreifen", antwortete er bemüht sachlich, den Blick nicht von Dorian lösend. Ja, er war kein Freund der Aspekt- und Elementlehre und glaubte nicht daran. Ihm waren es zu viele verschiedene Faktoren die berücksichtigt werden sollten, um Peraines Gunst für eine ihrer gegebenen Liturgien zu erbitten. Zum Zeitpunkt seiner Ankunft waren es nur die Elemente, jetzt irgendwelche Subspezies und offenkundig alveraniarähnliche Wesenheiten wie die Kristallfürsten und derlei.


    Doch wer garantierte, dass er auf diese Weise diesen Schleier in irgendeiner Form lichten und den Blick seiner Herrin auf sich lenken konnte? Was, wenn es irgendeine Entität Aquas war, die sich dazwischenschaltete und Peraine von seinem Wirken nie erfuhr? Es waren ihm zu viele Ungenauigkeiten, zu viele Dinge die er als nicht vertrauenswürdig empfand und die Diener der Elemente machten es nicht unbedingt besser. Sie missionierten dem Empfinden nach recht aggressiv und je elementtreuer das eigene Banner oder Lager, desto eher wurden andere Glaubenslehren abgelehnt. Aus der eigenen Heimat kannte er das nur bezüglich zwei, drei Möglichkeiten: Boron in Al'Anfa, Dämonenpaktierer oder -kultisten und Anhänger des Rattenkindes.


    Bei jeder nur sich bietenden Gelegenheit, so wirkte es, wollten sie die Geweihten der Zwölfe beiseite nehmen und ihr Mantra herunterbeten. Um Gespräche dieser Art und die Elementardiener selbst hatte er bislang einen großen Bogen gemacht, fürchtete jedoch, dass es im Reich der Rosen während des Feldzuges ein unvermeidliches Gespräch mit irgendjemandem würde geben - müssen. Doch ob nun Gemeiner, Priester der Elemente, Nyame oder Archon - er würde ihn allen in derselben Weise von seiner Skepsis erzählen und sie mussten sehen, was sie daraus machten. Fortjagen konnten sie ihn schwerlich, nur weil er ihnen keinen blinden Gehorsam entgegenbrachte. Glücklicherweise band ihn kein Schwur an irgendeinen Landstrich, eine Institution oder ähnliches, diese Verbindungen hatte er auch weiterhin nur in die Heimat.


    Khaid pustete die Luft scharf aus. Ungeachtet dessen, was ihn störte, war er in diesem Moment begeistert.


    "Diese Haus ist großartig und ich freue mich schon darauf, es zu beziehen. Fraglich ist nur, wer mir das nötige Mobiliar herstellt und auch herschafft, und ob ich noch einmal das Kleingedruckte auf dem Vertrag zur Übernahme dieses Hauses lesen darf, sofern es einen gibt. Falls dort eine Klausel zum Obsthain enthalten ist, möchte ich sie beibehalten und falls nicht, erwarte ich, dass eine hinzugefügt wird die besagt, dass der Obsthain in die Obhut der Peraine-Kirche übergeben wird. Es fühlt sich an wie ein Stück Zorgan, das unmittelbar vor der eigenen Türe steht."


    Die Mundwinkel des Geweihten zuckten, während er vom Obsthain erzählte und sich im Hinterkopf das Bild seines Heimattempels aufspannte. Es fehlte ihm tatsächlich ab und an, über die langen Wege des Zorganer Hains zu flanieren oder auch einem Knaben eine saftige Arange in die Hand zu drücken. Es war ein friedlicher Ort, von dessen Grundstimmung er gerne etwas in diesen Quingarder Hain transportieren wollte. Ein Hain, der stets von einem Perainediener gepflegt werden sollte. Dazu gab es an einem warmen Tag im Praios-, Rondra. oder Rahjamond kaum einen besseren Ort für eine Lektion, als einen gut bestückten Obsthain. Er spendete Schatten, er spendete Früchte, doch der Anblick wusste auf viele auch inspirierend zu wirken. Es war eben ein schöner Anblick, so ein Hain.


    "Du hast doch Zeit, oder? Lass uns ein wenig spazieren, jetzt, wo das Haus so gut wie meins ist. Sicherlich gibt es auch noch ein paar Orte, die ich unbedingt kennenlernen sollte."


    Der Berobte öffnete die Vordertür des zweistöckigen Heilerhauses und und machte eine einladende Geste, es zu verlassen.


    "Nach dir, Dorian."

    Einen Moment lang wollte Khaid den Phex-Geweihten mit seinem Stab erschlagen, nur einen Moment lang. Er besann sich jedoch eines Besseren und atmete tief durch, um sich nachfolgend jenes Haus zu besehen, das Dorian ihm willentlich und wissentlich vorenthalten hatte. Der Hochstapler hatte Bedingungen, die er an die Vergabe knüpfte und erwartete, dass Khaid ein Kind aus dem Waisenhaus unter seine Fittiche nahm. Womöglich rechnete er gar nicht damit, dass der Gedanke für den Therbûniten durchaus plausibel daher kam. Langfristig brauchten die meisten Kinder eine Perspektive und, so sehr ihn dieser Gedanke auch schmerzte, es würde der Tag kommen an dem der Flügelschlag des schwarzen Raben für ihn verdächtig laut zu hören war.


    Zwar waren Dorothea oder Kaira sporadisch zugegen, doch der Leiter des Siechenhauses hatte seit längerem das Bedürfnis seine mögliche Nachfolge frühzeitig zu regeln und auch etwas Verantwortung abzugeben. Das lag alleine daran, dass er sich jeden Feldzug wieder für andere in Gefahr begab. Letztes Jahr hatte er schon die Befürchtung es könnte ihm ergehen wie Ivan und er würde sich in die Reihe derer einreihen, die ihr Leben für die Aventurische Allianz gelassen hatten. Versuchend den morbiden Gedanken abzuschütteln, blickte Khaid zurück zu Dorian.


    "Du Schelm", erwiderte er auf Dorians abschließende Worte, nachdem er ihm lange genug gelauscht hatte.


    "Lass es mich so sagen. Langfristig möchte ich hier keinen Medicus sitzen sehen, der einfach das Arztsein gelernt hat", fuhr der gelernte Heiler selbstsicher fort, "sondern eine Schwester oder einen Bruder aus meinem Orden. Nicht einfach ein Medicus, sondern jemanden der die Heilkunst dieser und unserer Welt vereint. Einen Therbûniten, dem der Spagat zwischen den Welten besser gelingt als mir. Der das Siechenhaus hegt, pflegt, aber auch in dieser Stube regelmäßig anzutreffen ist und sein Wissen weitervermittelt."


    Der Anspruch, den er stellte, war zugegebenermaßen hoch. Doch er wusste mittlerweile, dass es ihm selbst stets schwieriger fallen würde als einem Kind, das von der Pike auf alles lernte, was es brauchte um hier, dort, irgendwo die Gesundheit der Menschen und die Leben der Einzelnen zu bewahren.


    "Zum Punkt. Wenn sich ein geeignetes Kind findet, dann nehme ich es auch gerne ins Noviziat oder die Lehre. Ich werde mit Nepheruna darüber sprechen, ob ihr auf Anhieb ein geeignetes Waisenkind für diesen Zweck einfiele. Ansonsten klingelt es beim Namen Essandra in meinem Kopf, falls sie sich mehr als Botin für das Siechenhaus vorstellen kann - einen Schlafplatz würde ich ihr hier in jedem Fall einräumen, so sie denn möchte. Aus logistischen Gesichtspunkten, fungiert sie doch als Botin, - und weil wir uns prächtig verstehen."


    Khaid machte eine kurze Pause, ehe damit fortfuhr Dorian allmählich mürbe zu reden.


    "Allerdings - und damit bist du hoffentlich einverstanden: Falls sich unter diesen Kindern derzeit schlicht kein Geeignetes findet, würde ich hier verbleiben und mein Wissen zunächst anderen Interessierten vermitteln, wie etwa Traviane. Sie kam auf der Turney am ersten Abend noch einmal auf mich zu. Gegebenenfalls werden wir uns auch noch mit Corvin zusammensetzen, zwecks eines Austauschs in der Alchimie."


    "Gegen hysterische Mütter am Abend habe ich ansonsten nichts einzuwenden", warf er schmunzelnd ein.


    "Du kommst dem hier schließlich fast noch am nächsten, wenn ich an deinen letzten Besuch denke."

    Khaid nieste. Leise murrend fasste er sich an die Nase und sah anschließend recht unbegeistert zu Dorian Fuxfell hinüber. Nein, der Geweihte der Peraine war nicht plötzlich erkrankt, es war lediglich der Staub der seine empfindliche Nase reizte. Khaid und Hausstaub, das vertrug sich nicht sonderlich und er vermutete zumindest unter einem leichten Staubschnupfen zu leiden. Doch er wollte sich nicht beklagen.. nicht übermäßig. Schließlich waren sie nicht grundlos losgezogen, Häuser auszukundschaften. Während das Ganze bei Dorian möglicherweise ein geeigneter Vorwand war, war er doch eines von Phex' ganz besonderen Kindern. Ein Taschenspieler, ein Händler, aber eben auch ein Dieb. Noch gab es hier nichts, doch für einen denkbaren Bruch und dessen Planung wollte er sicherlich bestens informiert sein. Falls er sich der Sache nicht ohnehin schon angenommen hatte. Irgendeinen Hintergedanken gab es aber sicher.


    Der Geweihte der Peraine hatte dagegen einen anderen Grund sich in bester Lage umzusehen, schließlich hatten Stordan und Dorian seinem Wunsch stattgegeben - oder sich auf seine fast schon dreiste Forderung eingelassen. Khaid war sich unsicher, denn als dreist empfand er die eigenen Aussagen im Nachhinein schon ein wenig. Letztendlich störte er sich daran aber doch so wenig wie an der Herkunft des Stoffs, aus dem seine Robe einst geschneidert worden war. Zwei von drei Möglichkeiten, die Dorian als passend und groß genug erachtet hatte, hatten die Beiden bereits hinter sich gelassen. Noch war er unschlüssig. Die Räume waren im ersten Haus ungünstig geschnitten, würden einen größeren Umbau bedeuten als ihm lieb war. Das zweite oder das dritte Haus - konnte funktionieren, auch wenn er dann auf den Arbeitsplatz verzichten musste. Klagen auf hohem Niveau.


    "Oh nein, ich kann nicht Zuhause arbeiten", schoss es ihm durch den Kopf und entlockte ihm zumindest ein kurzzeitiges Lächeln.


    Nachdenklich schritt der Heiler weiter durch die Räumlichkeiten, das Ganze abmessend und auf einem Stück Papier grob skizzierend.


    Dann knüllte er das Papier in seiner Hand mit einem Mal zusammen. "Dorian, das passt einfach noch nicht", verkündete er nüchtern.


    "Das sind, zugegeben, teils wunderschöne Häuser - wenn sie einmal saniert sind. Aber sie passen mir nicht auf den Zweck, für den sie eigentlich vorgesehen waren, Arbeit und Wohnen in irgendeiner Weise zu vereinen. Hier könnte ich bloß leben, nicht ackern. Das zweite Haus gefiele mir gegenwärtig am besten, es hat eine schöne Aufteilung im Erdgeschoss mit den zweieinhalb Räumen und dem aus Ess- und Schlafzimmer bestehenden Obergeschoss. Doch ich hätte unten nicht den Raum, um großartig viel Heilerbedarf aufzufahren. Als Wohnstatt würde es mir jedoch genügen und ich könnte wohl sogar noch eine Person aufnehmen, meinen Geliebten oder derlei..."


    Es war nur ein müder Scherz gewesen, der ihm gegen Ende des Satzes über die Lippen glitt. "Dazu wäre ein Keller möglicherweise praktisch, des Stauraumes wegen - oder wie siehst du das?", hakte er interessiert beim phexischen Scharlatan nach, der seinerseits das Treiben des Heilers beäugte, so seine Neugier nicht gerade verlangte auf etwas anderes zu achten und sich nur mehr dafür zu interessieren. Elendige Neugier. "Zumindest würde ich mich da ein wenig nach euch richten, schließlich kann ich schlecht Angebote machen und sie dann einfach nicht einhalten. Aber du siehst ja: Schön, aber für einige Dinge beachtlich ungeeignet. Und ich würde nun ungerne noch einen Laden in der Nähe für mich beanspruchen, den Brodrix dann entsprechend umfunktionieren müsste."


    "Läden sind für solche, die etwas verkaufen", hielt er das Offensichtliche noch einmal fest und hielt den Blick auf Dorian gerichtet.

    Kaum dass sich die Seefahrerin von ihm gelöst hatte, betrachtete und musterte die Robengestalt sie ausführlicher. Es wäre nicht sie, hätte er nicht Spuren einer Verletzung am Kopf oder anderen Körperteilen erspähen können. Diese Platzwunde. Sollte er überhaupt fragen, was passiert war? Khaid verwarf den Gedanken kurzerhand, falls notwendig würde sie schon davon berichten - oder eben nicht - und immerhin sah es aus als hätte sich bereits jemand darum gekümmert.


    "Ich würde lügen, würde ich behaupten, dass ich dich nicht auch vermisst hätte, Eilynn", erwiderte der Heiler.


    Ihre weiteren Worte sorgten hingegen für einen Hauch von Irritation und erst eine, dann zwei hochgezogene Augenbrauen. Abgekämpft, erschöpft und ermüdet gleichermaßen war er sich tatsächlich nicht sicher, ob es sich um eine ironische Bemerkung hinsichtlich seiner äußeren Erscheinung handelte. Gut Aussehen. Beim Alkohol war er hingegen sicher, dass das nicht mehr und nicht weniger als ernst gemeint war. Die Schultern leicht hebend entschied sich Khaid, die Sache mit dem Spaß erst einmal beizubehalten.


    "Gutes Fräulein, selbstredend verfügt auch dieses Lazarett nur über die edelsten Tropfen - wünscht ihr ein, zwei oder drei Kreuze?", kam es schwulstig aus seiner Richtung. Flaschen irgendeines Fusels hatte er tatsächlich stets griffbereit - das genügte für gewöhnlich um die Schmerzen der meisten Versehrten einen Moment zu betäuben, war zum Desinfizieren aber herrlich ungeeignet. Zu trinken wollte er derlei dennoch niemandem geben. Nicht, wenn die jeweilige Person nicht darauf bestand. Die zwei, drei Flaschen gewöhnlicherer Alkoholika, die sich im Bereich für die Heiler in einer Truhe wiederfanden, verschwieg er fürs Erste. Wiedersehen hin oder her, das Lazarett war keine Schenke. Es war ein Arbeitsplatz, den er für heute nur zu gerne hinter sich gelassen hätte. Ein Siegel für eine Taverne, um den Abend auf angemessene Weise ausklingen lassen zu können. Gerne auch in Begleitung einer verhältnismäßig jungen Dame, vielleicht entstand daraus auch interessanteres Getuschel über ihn.


    "Wonach dürstet es euch denn?", hakte er mit einem verhaltenen Lächeln auf den Lippen nach.

    Überrumpelt von der überschwänglichen Begrüßung der Albernierin musste sich der Götterdiener einen Moment sammeln, bevor er die Arme um die Frau legte und sie nicht weniger fest drückte. Ungefähr sechs Monde hatte er selbst auf diesen Moment gewartet um die Gewissheit zu haben, dass sie noch lebte und nicht zu dem Schäfchen geworden war, das fernab der eigenen Glaubensgemeinschaft verendet war. Weniger aus blanker Gefühlsduselei, sondern weil ihn kurz nach der Ankunft in Shäekara ein Schreiben erreicht hatte, in dem sich Eilynn noch nach dem freyenmärkischen Neu-Zackenberg und dem Wohlbefinden einiger Mitreisender erkundigt hatte. Das Schreiben erreichte ihn mit gut gemeinten Fragen insofern zu einem denkbar schlechten Zeitpunkt. Die Antworten darauf war er ihr schuldig geblieben, er konnte ihr nicht Rede und Antwort stehen, ohne zu wissen wohin er das Antwortschreiben hätte adressieren sollen.


    Khaid hatte sie daher schweren Herzens im Unklaren darüber lassen müssen, dass die Burg in Neu-Zackenberg gefallen und zurückgelassen worden war, die Allianz im Reich der Rosen gestrandet war und dass die Ottajasko - rund um die alten Freunde - tatsächlich abgereist war und er sich schwer damit tat, die langjährigen Begleiter nicht um sich zu wissen. Doch auch zu ihrem William, dem Einen, hatte er kein Wort verlieren können. Der Umstand, dass er einen Rock gefunden hatte, der ihn genug begeistertet um fortzugehen, es wäre sicherlich interessant für sie gewesen. Schließlich war sie ihm doch immer auf den Fersen. In diesem Zusammenhang hatte er sich wiederholt gefragt, ob eine Allianz ohne William zwangsläufig auch eine Allianz ohne sie bedeutete - oder konnte sie die vermeintlich große Liebe doch hinter sich lassen, sich neuem zuwenden, ein verhältnismäßig normales Leben leben und nach einem gesünderem Umgang Ausschau halten als dem verschrobenen Piraten aus Havena?


    Ein tiefes Durchatmen später hatte er die Gedanken um die jüngere Vergangenheit abgeschüttelt und dachte über die kurz zuvor gesprochenen Worte von Nefeqzjian nach. Die beiden maraskanverbundenen Gestalten hatten sich im Hintergrund gehalten, genauer gesagt am Zelteingang, doch das alleine hielt den Diener der Gütigen nicht davon ab beiden grüßend zuzunicken.


    Sie hatten recht. Eilynn und er hatten sicherlich einiges zu bereden: Wo hatte sie sich nach dem Feldzug noch herumgetrieben? Gab es Erlebnisse des Heilers, die sie interessierten abgesehen vom Offensichtlichen wie Neu-Zackenberg? Wie lange würde es dauern, bis sie eine Frage nach William stellte? In jedem Fall war er den neu gewonnenen Freunden und bisweilen Lazaretthelfern dankbar dafür, dass sie dem Wiedersehen die erforderliche Ruhe und Zeit einräumen wollten, zumindest deutete er Feqzjians Bewegungen entsprechend. Offensichtlich hatte er eine gute Wahl getroffen, was seinen neuen Umgang anbelangte. Die Unterhaltung selbst würde dennoch warten müssen, aus zweierlei Gründen.


    Noch umklammerte sie ihn - und er würde sich einen Spaß daraus machen, dass sie sich nicht so leicht aus seinem Griff befreien konnte. Die Mundwinkel des Heilers zuckten nach oben.


    "Eilynn!", entgegnete er schließlich nach einer gefühlten Ewigkeit, auch wenn es nur Wimpernschläge waren.


    "Es ist schön dich zu sehen", raunte er ihr nach einer weiteren, dramatischen Pause zu.

    Leise durchatmend ließ der Heiler mitten im Begriff seine Sachen zu packen von seiner Tasche ab und legte sie zurück auf ihren angestammten Platz in seiner kleinen Ecke. Obgleich er aufgrund seines angeschlagenen Gehörs nie der beste Zuhörer gewesen war, die Stimmen am Eingang waren ihm ebenso wenig entgangen wie die Bewegung der Zeltplane. Mit ein, zwei kurzen Handgriffen hatte er das Paar Stoffhandschuhe wieder über die Hände gezogen und postierte sich nahe eines Hockers, auf den er den nahenden, vermeintlichen Patienten hatte platzieren wollen.


    Was ihm wohl jetzt drohte?


    Ein gebrochener Arm,

    ein Schnupfen ausgelöst vom ungewohnten Klima

    oder wieder der flinke Difar, der bei vielen ebenso Shäekara geschuldet war?


    Khaid betrachtete sich den Eingang und die Personen, die Anstalten machten hindurchzugehen und seinen Arbeitsplatz zu betreten.


    Nach einem Augenblick hob er in sichtlicher Verwunderung die Brauen. Noch einen Moment später löste sich der Heiler aus dem Orden der Therbûniten von seinem Stehplatz und bewegte sich, statt unnützerweise wie angewurzelt stehenzubleiben, mit gewohnt langen Schritten auf den Zelteingang zu. Es war ihm als trübten ihn seine Augen.