Immer wieder Fisch...

  • Das Turnier war gerade vorbei, als sich bereits zwei Dutzend Katzen am nordwestlichen Tor der Stadt versammelten. Ihr hungriges Mauen war bis weit in die Stadt zu hören, ebenso wie das Fluchen der Fischer vom Grenzach, die ihre Waren feilbieten wollten. Mit Mühe und Not schafften sie es bis auf den Marktplatz, wo sie als erstes eine in Rot gekleidete Frau trafen, Nepheruna Banokborn .


    "Meine Dame, meine Dame! Entschuldigt bitte kurz!"


    Der Fischer war schon etwas in Eile, so schien es. Trotzdem war das, was er anbot, nicht die normale Menge.


    "Wir bringen wieder Fisch. Unmengen. Kann ich die hier irgendwo feilbieten? Oder gibt es wen, der sie vielleicht gesammelt kaufen will? Ich... ich meine wir... haben einen guten Fang gehabt. Die Reusen sind bis oben voll und wir haben kaum den Köder drin, da beißt schon der Nächste. Ich meine...der ganze Karren ist voll. Vielleicht liegt das am Pegel des Flusses, der ist die letzten Wochen immer mal wieder ein bisschen gestiegen. Kommen vielleicht gerade viele Schwärme zur Mündung vom Grenzach und der Heibel in den Blauen Strom.

    Aber naja... der Fisch?"


    Der typische Geruch des Fisches machte sich nun deutlich breit, als er eine Plane von den Fischen nahm. Er hatte nicht übertrieben...

  • Nebbi

    Hat das Label Verlassenes Quingard hinzugefügt
  • Ohne Eile schlenderte Nepheruna durch die Stadt. Quingard war nicht Gareth, aber es war ein Samenkorn voll neuem Zuhause, das gehegt und gepflegt werden musste, bis es keimte, wuchs und mit seinen Früchten nicht geizen würde.
    Gespickt mit hoffnungsvollen Gedanken dieser Art und mit einem Lächeln der Zufriedenheit auf den Lippen, passierte sie eine Horde Katzen.

    Das klägliche Gemaunze ließ ihre Mundwinkel sacken. Zu gerne hätte sie sie gefüttert. Aber sie nahm sich zusammen, diese Dummheit ihrerseits nicht zuzulassen, um nicht in Kürze hunderte von Katzen vor ihrer Wohnstatt versammelt greinen zu finden.
    Schwer ausatmend konnte sie aber nicht umhin, in ihren Schritten langsamer zu werden, in die Hocke zu gehen und vorsichtig, keinesfalls aufdringlich eine Streichelhand anzubieten.
    Einen Moment lang übermannte sie das Gefühl, Zauberei einsetzen zu müssen... Es würde so vieles erleichtern. Die Katzen würden ihre Gedanken fühlen können... Aber gleich dreierlei sprach dagegen.
    Einerseits hörte sie Torfstechers spöttischen Kommentar in ihren Gedanken: Wenn du ohne Magie eben nicht erfolgreich sein kannst...bitte. - Nein! Er hatte sie damals bei ihrem Stolz gepackt mit diesen Worten. Die Sternenkraft sollte nur der allerletzte Ausweg in einer Notsituation sein! Ein Lebensretter. Nicht mehr.
    Zum anderen hatte auch kein Zauber vermocht, Voltan und Lineerlay zu retten. Noch so klein... Der Gedanke ließ ihre Augen in Schmerz verengen. Schon mehr als zehn Jahre... und das leere, bittere Gefühl blieb, wenn man daran dachte. Sich im Notfall auf Zauber zu verlassen war gefährlich. Das hatte sie am eigenen Leib erfahren müssen.
    Und zum Dritten... Das astrale Gefüge schien auf Mythodea so anders. Sicher würde es überhaupt nicht funktionieren. Es brauchte hier Komponenten, die in der Heimat nicht notwendig gewesen waren.
    Nein. Kein Gezaubere.
    Sie erhob sich.


    Wenig später auf dem Marktplatz sprach ein Fischer sie an.
    Sie nickte sachte, hörte ihn an. Dann stellte sie Fragen.
    "Ihr seid aus der Region? Falls ja, wie viele Fischer seid ihr, die ihr hier ansässig seid? Wie verändert sich die Fangquote im Jahresverlauf? Ich nehme an, im Winter sind es reichlich weniger Fische? Sind die Flüsse im Winter fischbar oder in der Regel vereist?"

    Kurz hielt sie inne, lächelte den Mann sachte an.
    "Verzeiht mein Ausgefrage - ich möchte mir einen Überblick verschaffen. Nepheruna Bankborn - ich kümmere mich um das Waisenhaus der Stadt.
    Wenn Ihr mir die hiesigen Möglichkeiten nennt, den Fisch zu konservieren - ob in der Sonne oder mit Salz, falls es hier irgendwo Salz gibt - wäre möglicherweise das Waisenhaus ein denkbarer Abnehmer. Bitte nennt mir die üblichen Traditionen des Haltbarmachens in der Region und wir reden intensiver über eine mögliche Vereinbarung."


    Als er die Plane lupfte, verschlugen ihr die maritimen Ausdünstungen fast den Atem. Sie aß niemals vom Toten und davon ab, gehörte gerade Fisch nicht zu ihren Lieblingsgerüchen.
    Ihre rechte Hand schnellte zu ihrem Mund, sie hielt den Atem an. Ein wenig blümerant wurde ihr. Dann kaschierte sie den Gestus des Unwohlseins mit einem Lachen - nur das Lachen hatte sie selbstverständlich hinter der vorgehaltenen Hand verbergen wollen - wie eine Dame eben. Als solche hatte er sie schließlich angesprochen.
    Kurz lachte sie heiter und anerkennend auf.
    "Nun das nenne ich einen mächtigen Fang, guter Mann!"

  • Der Fischer, noch halb von der Welle an Fragen überrumpelt, blickte erstmal zu einem seiner Genossen. Als auch der so schnell gar nicht fassen konnte, was hier passierte, schüttelte der stämmige, vollbärtige Fischer noch einmal den Kopf und fing dann an die Fragen, die er im Kopf behalten konnte, zu beantworten:


    "Ich bin Hadwig, schön euch kennenzulernen Napharena. Also Öh, wir sind so zwei dutzend etwa, mit Frau und Kind ein paar mehr. Wir haben im Nordosten ein kleines Fischerdorf, an der Grenzach. Fischer gibt es eigentlich immer das ganze Jahr, auch wenn es im Winter deutlich weniger werden. Zugefroren ist der Fluss erst einmal in den fünf Jahren die wir hier leben - im Sommerwinter und dem anschließenden Winter. Da war es auch für den Grenzach zu viel.

    Wir im Dorf dörren den Fisch einfach immer. Meist dann noch mit ein wenig gutem Rauch und schon hält der eine ganze Weile! Viele nutzen aber auch die Salztonne. Aber... Ist mir zu komisch der Geschmack. Aber ja, es geht. Ich nutze seit jeher den guten Ofen!


    Und der Fang ja...tatsächlich ist das schon ungewöhnlich. Normalerweise hätten wir nicht so viel Fisch, aber irgendwie... naja. Jetzt zu der Zeit steigt der Fluss wieder ein bisschen. Tat er zumindest sonst - glaube ich. Aber Fische... sind es deutlich mehr als... jemals? Ach wir sollten einfach den Elementen danken, dass wir hier so zahlreichen Fisch haben!"

  • Sie folgte schweigend seiner Ausführung, nickte einige Male und stemmte der Gemütlichkeit halber, locker beide Arme in die Seiten.

    Als er endete, verdüsterte sich ihr freundlich lächelndes Gesicht erstmalig und wurde ernster.

    Anomalien im Meer, überraschend veränderte Anzahlen von Meeresgetier und der naive Dank an das Element Aqua...
    Ihre Vorsicht schlug Alarm und flüsterte in ihrem Kopf CPT...
    Sie hatte schon vor langen Jahren gelernt die vollständigen Namen der Erzdämonen nicht einmal zu denken. Und sie kannte alle ihre Namen - und die sicherheitsbedingten Kürzel.


    "So so.. Ihr.. habt aber bis auf den Fischreichtum nichts Ungewöhnliches in den Netzen gehabt...? Und sagt bitte, guter Mann - was meint Ihr, wenn Ihr vom 'Sommerwinter' sprecht?"
    Ihr war oft genug gesagt worden, dass die Götter und stark vermutet auch deren Widersacher keinerlei direkten Zugriff auf die Globule oder Sphäre Mythodea hatten. Doch ihre hinterfragende Vorsicht war oft genug ein wirkungsvoller Schild gewesen - und sie ließ sie zu.

  • "Ja, der Sommerwinter..."


    Er stöhnte leise...


    "Wisst ihr, vor einem Jahr etwa war das, da fing der Winter schon im Sommer an. War furchtbar. Keine Ernten, keine Nahrung. Wir haben hier alles geschlachtet, was wir schlachten konnten um am Leben zu bleiben. Da ist dann im eigentlich Winter, der im Anschluss kam, der Fluss zugefroren."


    Er zuckte mit den Schultern, ein wenig Trauer war in seinem Gesicht zu sehen.


    "Heute sind andere Zeiten und der Fischfang ist großartig! Und nein, außer Fischen nichts im Netz. Klar, ein wenig Treibholz und sowas mal in den Reusen, aber nichts ungewöhnliches. Wieso fragt ihr?"

  • Sie runzelte sachte die Stirn. Solche Wetterphänomene waren alles andere als geheuer.. In der Regel waren solche Änderungen des Klimas doch ein böses Omen. Sie löste die rechte Hand von ihrer Hüfte, ließ den Arm locker an der Seite hängen und malte mit einer Bewegung nur des Fingers vorsorglich und unauffällig in einer raschen Geste ein winziges Dreieck in einem Kreis als Glückssymbol in die Luft.
    Ob dem Ganzen irgendwer auf den Grund gegangen war? Ihr Ermittlerinstinkt war geweckt.


    Ein langer Winter also. Und das vor nur einem Jahr... Sie hatten viel Fleisch essen müssen. Ob hier der Grund der Ratten lag? Hatten sie zu viele Tierkadaver gehabt? Oder ob Ratten und Katzen (die Raben nahm sie aus und hielt sie einfach für eine verwilderte und nachträglich vermehrte Population an Postvögeln) gar nicht auf natürlichem Wege angelockt worden waren und nur weitere Indizien darstellten, dass etwas ganz gewaltig nicht stimmte...?


    "Was war in diesem langen Winter mit all den Ratten und Katzen in der Region? Bei der Menge müssten sie schon da gewesen sein - und es ist nach so einem Winter umso wunderlicher, dass es so viele sind. Oder sind sie alle auf einmal sehr plötzlich nach der Kälte aufgetaucht?"


    Und sie ergänzte etwas beruhigender und weniger wie ein Bluthund, der soeben auf eine interessante Fährte gestoßen war: "Ach, ich kenne nur gerne die Gründe ungewöhnlicher Umstände. Und ich dachte bei all den Katzen und Ratten und vielleicht auch Raben.. vermehrtem Fisch und einem überlangem Winter gäbe es vielleicht einen Zusammenhang, der dafür sorgte, dass die Tiere überhand nehmen.
    Ihr habt nicht zufällig auch von anderen Tierarten gehört, die sich ungewöhnlich stark vermehren?"


    Sie lächelte ihn freundlich an, linste zwischendurch zu dem Fisch. Er wollte ihn dringlichst loswerden und sie hatte ihm schon einen potentiellen Abnehmer all seiner Ware in Aussicht gestellt. Also hoffte sie, gerade in seinem Interesse, dass er noch ein wenig in Plauderlaune blieb. Es ließ sich soviel erfahren von den Einheimischen.

  • "Wir kriegen hier kaum was mit am Fluss. Soll aber irgendwas mit irgendeinem Spiegel zu tun haben. Oder einer Welt oder so. Keine Ahnung, wir angeln nur. Und ich bin ehrlich gesagt unsicher, was mit den Ratten und Katzen ist."


    Vorsichtig schaute er sich zuerst um und schaute dann nochmal zum Fisch um sicherzugehen, dass weder Katzen noch Ratten sich an ihnen labten.


    "Ich habe aber sonst keine Ahnung von den Tieren. Ich glaube nicht, dass sich irgendwas stark vermehrt hat. Aber jetzt wo ihr es sagt, habt ihr wohl ein Problem mit den Katzen...

    Aber, zum eigentlichen Thema. Wohin kann ich den Fisch liefern?"

  • Auch auf einem gänzlich anderen Kontinent bewies das Dorfvolk wieder seine Eigenbrötelei.
    Nur eine Stunde Entfernung zur Stadt - sie hatte erwartet, dass es zumindest Freunde oder Verwandte gegeben hätte, aber nein. Man blieb als Fischer wohl lieber unter sich.

    Spiegel..? Welt..? Nepheruna hatte von Kelriothar gehört. Khaid hatte ihr von den Auszehrungserscheinungen erzählt, an denen die Siedler in dieser irgendwie elementarlosen Globule, der Zuflucht der Urzweifler gelitten hatten.


    Sie atmete geräuschlos durch.


    "Ich nehme an, da ihr so reichhaltig mit Fisch bedient seid, leidet zumindest keiner mehr hunger in eurer Fischeransiedlung an der Grenzach. Es muss euch durch all den Fang ja gut gehen! Viel zu handeln, viel zu tauschen."
    Ein sonniges Lächeln umspielte ihre Lippen. Was sie sagte klang wie der zufriedene Wunsch eines gutmütigen Menschen und irgendwie auch anerkennend - zielte aber auch vorsorglich darauf ab, einem späteren, möglichen Hochfeilschen des Fischers von vornherein den Wind aus den Segeln zu nehmen.

    "Eigentlich brauchen wir nicht ganz soviel wie Ihr habt.. Es ist schließlich sehr viel Fisch. Aber ehe der gute Fang verdirbt, ist das Waisenhaus - finanziert durch die aktuelle Verwaltung der Stadt - bereit, Euch nicht mit all dem unverkauftem Fisch am Ende unverrichteter Dinge nach Hause ziehen zu lassen. Bei den Temperaturen hält er sich sicher nicht lange... Er müsste schnell gedörrt werden.. Habt Ihr noch Ratschläge diesbezüglich für uns, werter Herr Hadwig?"

    Sie wirkte noch nachdenklich, aber wohlwollend - wie ein Kunde kurz vor einem positiven Entscheid.


    Das Dörren war wohl nicht sonderlich schwer - allerdings brauchte es viele Hände, um all diese Massen rechtzeitig, am besten noch am selben Tag haltbar zu machen. Sie dachte an die Kinder. Viele von ihnen wollten helfen, sich ein Zuhause zu errichten. Sie wollten endlich etwas Frieden und immer volle Mägen. Und die meisten von ihnen waren nicht verwöhnt.
    Die Waisen konnten die einfache Aufgabe übernehmen, den Fisch auszunehmen und auf Haken oder eine gute Schnur zu ziehen.

    Nur wo sollte man all die Fische dann Trocknen? Einfach so hoch wie möglich zwischen die Häuser spannen? Die Katzen würden vielleicht nicht herangelangen, aber was war mit den Raben?

    Und wenn sie... einfach im Rabenturm den Fisch räucherten? Er wurde ohnehin ausgeräuchert. Sicher eine ganze Weile, damit die Tiere nicht zu bald zurückkamen... Auch die Ratten und die Katzen würden vor dem Feuer und dem Rauch Halt machen... Ihre Augen suchten unwillkürlich die Richtung in der Corvin seine Poststation einrichtete.
    Es schien ihr einen Versuch wert.
    Sobald das Zeug erst einmal haltbarer war, gab es sicher noch weitere Abnehmer. Die Stadtwache vielleicht, die Kranken... und so ziemlich jede weitere Person in Quingard, die Hunger hatte und darauf warten musste, dass Felder bestellt und Obst reif war.

  • "Öh..."


    Er schien in den ersten Augenblicken überrumpelt mit den Fragen, sah aber in ihr Gesicht und schien sich ein wenig zu verlieben.


    "Ich ehm... ich meine wir, wir haben genug, ja. Und... ja... der Fisch verdirbt auf der Rückreise, was heißt er muss hier verkauft werden sonst können wir ihn weg..."


    Ein kleiner Schlag traf den Fischer. Es war kein Geistesblitz sondern die Faust seines Kollegen auf seine Schulter.


    "Oh..."


    Er seufzte einmal und deutete dann auf den Wagen.


    "Waisenkinder sagt ihr? Wir brauchen aktuell wirklich nicht viel. Wenn wir hier wie früher ab und an ein wenig Holz bekommen und auch mal Brot, soll es kein Problem sein einen Tauschhandel einzuführen. Die Ware lasse ich euch hier. Ich habe noch etwa zwei Stunden, ehe wir aufbrechen müssen. Ich kann helfen was die Ausräucherung betrifft"

  • Sie legte mit einem leisen, aber beschwingten Klappen die Hände ineinander - ein richtiges Klatschen war es nicht.
    "Oh, das ist überaus großmütig von euch! Die Kinder werden sich freuen, etwas Deftiges in die Mägen zu bekommen."
    Ihr dankbares Lächeln war ehrlich und glitt über die anwesenden Fischersleute.


    "Ich bin mir sicher, nach dieser Art des Entgegenkommens eurerseits sehen das neu besiedelte Quingard und die Fischer von der Grenzach einer blühenden Zukunft entgegen, die für uns alle von Vorteil ist. Holz und Brot werdet ihr sicherlich ab und an bekommen, sobald das möglich ist. Nun denn, ans Werk würde ich sagen! Und noch einmal vielen Dank für Eure Hilfe."
    Mit ihren letzten Worten, wandte sie sich direkt an Hadwig.


    ~


    Nepheruna würde wohl den Rest des Tages bis in die Nacht hinein beschäftigt sein - vielleicht sogar darüber hinaus. Zuerst damit, sich von dem Fischersmann das Dörren zeigen zu lassen, Kinder und andere hungrige Freiwillige zu mobilisieren, den Fisch auszunehmen und aufzuhängen, Corvin zu sprechen, um mit ihm abzuklären, seinen Turm als tiersichere Räucheranlage zu verwenden, um anschließend den Plan in die Tat umzusetzen.