Vom Leid des Mädchens, das von der Klippe stürzte

  • WANN: Zwei Tage vor Im Lazarett von Gutenbucht
    WER: Wer halt mag und sich an der Location befindet/befinden könnte?
    WO: Lazarett, Lager der Gruppe um Neph & Feqzjian


    Spätabends stockte selbst Khaid für einen Augenblick der Atem. Seit ihrer Ankunft in Gutenbucht hatte es viele kleinere Wehwehchen gegeben, diese Situation am Abend war anders. Zwei Siedlungsbewohner hatten das Mädchen Essandra zielsicher ins Lazarett getragen und beherzt nach Hilfe gerufen. Es waren Baltram und Zolthan, die sich bisweilen als Wachen für das Lager der Aventurischen Allianz verdingten. Sporadisch waren sie mal Söldner, mal Wachen, irgendeiner der Beiden hatte auch einmal anklingen lassen, dass er sich bei ausreichendem Lohn dauerhaft der Zackenberger Wache hatte anschließen wollen. Khaid wusste nur nicht mehr, wer von den beiden. Sein Blick über die Schulter war nur kurz ausgefallen, er hatte "Sofort" geraunt und mit der Nachbehandlung bei einem anderen Patienten fortfahren wollen.


    Er blinzelte. "Moment...", schoss es ihm in den Kopf und er warf einen neuerlichen Blick über die Schulter. Nicht wirklich, oder?


    Khaid fasste das Mädchen auf Baltrams Arm ins Auge. Er legte den Verband neben dem Verletzten ab, um sich zu den beiden Männern zu begeben. Noch im Gehen zog er sich einen Handschuh über die Linke. "Bei der Gütigen", fluchte er schließlich und wies die Beiden an ihm dabei zu helfen das Mädchen vorsichtig abzulegen.


    "Was bei allen Zwölfen ist passiert", hakte er im Anschluss verhältnismäßig forsch nach.


    Während Baltram Essandra gemeinsam mit Khaid auf eine der Liegen beförderte, versuchte Zolthan sich zusammenzureißen und passende Worte zu finden.


    "Wir.. wir haben sie an der Klippe.. gefunden.. neben ihr ein paar Möweneier, sie.. Sie muss gestürzt sein.. aber Baltram sagt.. dass.. dass sie noch atmet.. lebt sie noch, Euer Gnaden?"


    Wenn er das nur wüsste. Khaid nickte kurz auf die Beschreibung hin und dankte den Beiden im ersten Moment, ehe er sich dem Mädchen zuwandte. Vorsichtig neigte er den Kopf nach hinten und hob ihr Kinn ein Stück weit an. Sie musste einfach noch leben. Auch wenn es nicht gut um sie stand, so viel war sicher. Beim Sturz musste sie sich wenigstens den Kopf irgendwo gestoßen haben, dazu offenbarte bereits ihre in Mitleidenschaft gezogene Kleidung Abschürfungen und gegebenenfalls schlimmeres an Armen und Beinen. Vermaledeite Klippe. Elendige Möweneier. Khaid besah sich den Brustkorb Essandras - hob er sich, senkte er sich? Schwierig. Aufschluss geben, ob eine Behandlung Sinn machte, sollte schließlich das gute Ohr des Götterdieners über Mund und Nase. Er hörte etwas. Sie atmete! Aber noch etwas weniger und Golgaris Schwingen wären das einzige Rauschen das er in ihrer Gegenwart noch zu vernehmen mochte.


    "Sie atmet... schwach... tut mir einen Gefallen... wartet einen Moment", raunte Khaid den Beiden zu und versuchte sich an einem aufmunternden Schulterklopfer. Natürlich funktionierte das nicht, aber ebenso wenig konnte er auf Hilfe verzichten. Den wohlverdienten Feierabend konnte er getrost vergessen und wenn er so etwas noch haben wollte, ehe der Morgen graute, brauchte er Hilfe. Es gab wenige Möglichkeiten. Schnellen Schrittes begab sich der Geweihte, sich dabei nicht darum scherend auch einige der noch übrigen Passanten aus dem Weg zu drängen.


    Er hatte es eilig. Elendiges Unglück, dazu konnte niemand sagen wie lange sie schon dort lag. Unnötigerweise stand Zolthan neben sich, das bedeutete zwei Patienten und schon bei einem würde er kaum alles alleine versorgen können.


    Wenige Zeit später war er an seinem Bestimmungsort angelangt, dem Zelt des bunten und nahezu halbmaraskanischen Haufens in dem auch seine Lazaretthelferin übernachtete. Die bunte Schar hatte ein Feuer gemacht, möglicherweise hatten sie gekocht oder nur die Wärme genießen wollen. Für letzteres sprach zumindest der Umstand, dass einige Gestalten am Feuer saßen, die er aber noch immer nicht wirklich zuordnen konnte. Die Leute waren noch in der Freyenmark eher selten im Dorf gewesen, am ehesten hatte er noch mit Neph das Vergnügen gehabt oder ihrem geschwätzigen, maraskanischen Begleiter Feqzjian. Khaid hob die Schultern an, ehe er das Wort ergriff. Laut genug, um etwa schrilles Lachen oder auch das unsägliche Quaken der Maraskaner im Keim zu ersticken oder wenigstens zu übertönen.


    Er hatte schlicht eine Botschaft mitzuteilen, während ihm der Sinn schon wieder nach Aufbruch stand.


    Etikette und Höflichkeiten auszutauschen interessierte ihn daher auch herzlich wenig, obgleich man von ihm bisweilen besseres gewohnt war.


    "Ich suche Neph - es gibt einen Notfall im Lazarett. Schwerverletztes Mädchen, dazu ein Mann unter Schock. Es besteht meinerseits ein dringendes Bedürfnis nach einer kompetenten Helferin und ihrer Unterstützung."


    Der Bericht des Geweihten fiel kurz aus. Die Antwort hoffentlich positiv...

    :queen:


    "Der Metzger weiß, dass die Heilung nur durch die Erteilung zusätzlicher Schmerzen zum Erfolg gedeihen kann."

  • Es war einer dieser Abende. Nach einem langen, warmen Tag wollte man nur noch etwas essen und sich auf zwei bis drei Kissen ausstrecken. Ein Hauch von Luxus. Während der Jahre im maraskanischen Dschungel hatte es beides nicht gegeben. Feuer war eine Seltenheit, weil man Entdeckung durch den aufsteigenden Rauch und das Licht vermeiden wollte - und an Kissen hatte niemand gedacht, als es daran ging die Äthrajins von der Insel zu werfen.
    Jetzt aber war man in relativer Sicherheit und Kissen waren eine nette dreingabe. Das warme Essen füllte ihm den Magen obendrein und die Gespräche seiner Gefährten wären ihm ein willkommenes Wiegenlied.

    Ruckartig öffnete er beide Augen, als ein paar Wortfetzen ihn erreichten "Schwerverletztes Mädchen", "Mann unter Schock" und "Unterstützung". Ein weitres Mitbringsel aus seiner Heimat. Ruhe und Luxus waren schön und gut - solange sie nicht zum Schaden gereichten. Sofort war er auf den Füßen und fokussierte die Quelle der unheilbringenden Informationen.
    "Sind wir angegriffen worden, Bruderschwester? Ich sehe schon seit Tagen schräge Blicke von den Anwohnern. Ich bin kein Heiler wie du, aber ich habe gelernt, dass während einer Versorgung kein Platz für Widerworte ist. Das ist doch schonmal ein Anfang. Wenn ich Helfen kann, dann will ich das tun."
    Ohne innezuhalten oder auch nur abzuwarten, ob er für würdig befunden wurde zu helfen, drehte der schmale Mann seinen Kopf zur Seite:"NEF?! Khaid braucht uns!"
    Dann wandte er sich wieder dem Heiler zu:"Wie viele von uns brauchst du?"

  • Nef saß in der Jurte und wusch sich das Gesicht vom Staub des Tages.

    Sie hatte sich die letzte Zeit gemeinsam mit den anderen häufiger in den engen Gassen der Stadt Gutenbucht umgesehen.
    Es war ein Gedränge gewesen, ein Gewirr vieler Stimmen und Dialekte.
    Sie hatte wieder das Gefühl gehabt, zu tauchen, in Sicherheit zu sein - zwischen all den Individuen zu verschwinden und unauffindbar zu sein für die, die ihren Tod wollten.


    Die Frau in Rot hob ihren Kopf und blickte in den kleinen Spiegel, der ihr schwarzes Kohol zeigte, das ihre Augen zerlaufen umrahmte. Sie sah aus, als hätte sie geweint.

    Sie hatte sich gerade umgezogen, trug nur noch ihr dunkelrotes Hemd und eine gemütliche, tulamidische Hose, die sie einst in Khunchom erstanden hatte, kurz bevor sie nach Maraskan übergesetzt hatten.
    Ihre Begleiter, die graubunte Schar kannte es, dass sie sich manches Mal alleine in das große Zelt zurückzog, sich ein Licht entzündete, nur um es zu löschen und sich dann geistig in völliger Stille in sich selbst versenkte. Die Meditation hatte sie in Aventurien manches Mal mit Zuversicht und Lachen erfüllt - hier auf Mythodea war das nicht der Fall.
    Sie presste die Lippen aufeinander und wischte sich die schwarze Farbe halbherzig aus dem Augenwinkel.


    "NEF?!...." Sie hörte wie Phexdan draußen ihren Namen rief und und horchte auf. Er ergänzte etwas Undeutliches, das sie nur in Bruchteilen verstand und erhob sich.

  • Es war wieder einer dieser Abende gewesen, an denen dar Geldbeutel mit jeder Runde Karten etwas Luft gewann. So sollte es nicht laufen, aber die Truppe mit der sie unterwegs waren kannte sich untereinander zu gut, als das man es sich mit falschem Spiel verscherzen sollte. Zum Schluss entschied sich Corvin, dass Phex es wohl nicht anders wollte und opferte seine letzten Kupfer mit einem stummen Fluch auf den Lippen Travias Gastfreundschaft und Peraines Hopfen.


    Dem entsprechend lang wurde der nächste Tag. Man sollte nur verspielen, was man sich auch wieder dazu verdienen kann. Eine mühselige Arbeit, zumal die hiesige Pflanzenwelt sich nach der letzten Schifffahrt - nun gut nennen wir es wie es ist - Flucht, schon wieder etwas gewandelt hat. Bis zum Mittag streifte er durch die Wälder, mit der verbleibende Hitze des Kochfeuers destilierte er ein wenig Wasser aus dem Fluss, die Grundlage für die meisten Tränke. Dann dauerte noch fast bis Sonnenuntergang bis die gesammelten Kräuter verarbeitet waren oder zum Trocknen hingen. Zufrieden betrachtete er die kleinen Fläschchen.


    Corvin hatte es sich noch keine dreißig Augenblicke gemütlich gemacht - er lag in seiner Hängematte nahe des Lagers, zwischen zwei Obstbäumen - als er aufgeregte Rufe vernahm. Er hebte den Kopf und spähte in Richtung der Jurte, aus der die Rufe zu kommen schienen.

    Einmal editiert, zuletzt von Tarion ()

  • Halb gebeugt wandt sich Neferu durch den tiefen Zelteingang, hinaus in die spätabendliche Dunkelheit und hinein in den rötlichen Schein des Lagerfeuers.
    Sie sah zu ihren Gefährten am Feuer, insbesondere den stehenden Phexdan - ehe Khaid ihre Aufmerksamkeit erhielt.
    "Was ist los?" fragte ihre dunkle Stimme direkt.

    Schon während sie fragte, nahm sie mit beiden Händen ihr zerzaustes und von Zöpfen durchwirktes Haar zurück und band es praktisch zusammen.
    Sie hatte das untrügliche Gefühl, die Strähnen wären bei dem was kommen würde nur im Weg.

  • Es dauert einen Moment, ehe die Aufmerksamkeit von Feqzjian zu Neferu wanderte. Dieser Maraskaner war obskur, dachte er sich. Und dennoch, wenn er helfen wollte, sollte er gerne mitkommen. Khaid war sich sicher, dass der Mann unter Schock schon Linderung erfahren würde, ehe er vollständig in die Lehren von Rur und Gror eingewiesen worden war. Eines kurzen Schmunzlers konnte er sich kaum erwehren.


    "Ein Mädchen ist von der Klippe gestürzt, wir wissen nicht wie lange sie dort lag, was genau mit ihr ist. Ich habe die Männer, die sie zu mir gebracht haben, kurz stehen lassen, ehe ich aufgebrochen bin. Sie lebt noch - so viel ist sicher und wird die paar Augenblicke, die ich hier bin, auch überleben. Wir sollten jetzt nur alles dafür tun, dass Boron sie nicht holt. Ich kann mich aber nicht um alles kümmern - dazu wäre derzeit niemand dort, der weitere Patienten versorgt, sollten welche eintreffen."

    :queen:


    "Der Metzger weiß, dass die Heilung nur durch die Erteilung zusätzlicher Schmerzen zum Erfolg gedeihen kann."

  • Nef weitete kaum merklich die dunkel verschmierten Augen, die ihren Blick tiefliegender erscheinen ließen, als er war.
    Sie nickte zackig - die tranige Abendmüdigkeit war wie weggeblasen.
    In diesem Moment, in dem es um alles ging - um das Leben eines Mädchens - fühlte sie sich zurückversetzt nach Gareth und in die Zeit, der sie ein Teil der Wachmannschaft Südquartiers gewesen war. Ein völlig anderes Leben.


    Sofort setzte sie sich in Bewegung Richtung Lazarett - sie hatte es schwer eilig, achtete nicht darauf, ob Phexdan ihnen folgte. Ebenso wenig scherte es sie, dass sie barfuß war.

    "Ist sie bei ansprechbar? Konntest du äußere Verletzungen erkennen?"

    Mit Grauen spielte ihr Kopf mit dem Bild eines blassen Mädchens, dessen Schädeldecke durch einen Sturz eingeschlagen war. In ihrer Vorstellung trug das Kind ein verwandtes Gesicht..

  • Noch auf dem Weg zum Lazarett erstattete der Heiler seiner Helferin kurzen Bericht:


    "Sie ist nicht ansprechbar, wahrscheinlich weil sie einen starken Schlag gegen den Kopf bekommen hat und infolgedessen das Bewusstsein verlor. Es gibt zumindest Anzeichen dafür. Dazu Abschürfungen an mehreren Körperteilen, besonders den Extremitäten. Wenn sie gestürzt ist, wohl nicht einfach nur in einen Sandhaufen. Ich hatte aber noch nicht die Zeit mir anzusehen, ob tatsächlich ein Fels oder auch - größerer - Stein involviert gewesen sein könnte."

    :queen:


    "Der Metzger weiß, dass die Heilung nur durch die Erteilung zusätzlicher Schmerzen zum Erfolg gedeihen kann."

  • "Haffax, Ork und Wolkenbruch.." entfuhr es ihrer dunkel-ruhigen Stimme leise fluchend.

    Ihre Hände hatten sich zu Fäusten geballt und schwangen an ihren Seiten, als würde sie dadurch schneller werden.

    Sie fixierte den Punkt des Banners des Lazarett, das sich hell vom späten Abendhimmel abhob.

    "Wozu genau.. brauchst du mich? Mit Hirnverletzungen kenne ich mich nicht aus. Ich weiß wie man Ohnmächtige weckt, aber nicht solche, die zu tief in Borons Armen schlafen, weil ihnen etwas im Kopf zerstört wurde.."

    Sie blickte Khaid ernst an.
    Die frischen Erinnerungen an das Gelächter mit Phexdan, Tair und Corvin am frühen Abend war in diesem Augenblick so weit weg, wie die Heimat.

  • Das war nicht die Zeit zu zaudern - war es nie gewesen, wenn es um Leben ging. Auch das war ein Mitbringsel aus dem schmutzigen Krieg tief in den Dschungeln seiner Heimat. Ohne Verzögerung folgte er den beiden auf dem Fuße. "Ist ihr Schädel geschwollen? Sowas habe ich auch schon gesehen."
    Noch während der Frage tastete er nach einem scharfen Messer an seinem Gürtel. So etwas dabei zu haben war immer gut. Ebenso wie ein Gürtel, den man eng ziehen konnte, um Blutfluss zu unterbinden.
    Er sollte wirklich mehr über Wundversorgung lernen - aber für den Moment musste das reichen, was er über das Verursachen wusste. Das umzukehren konnte doch nicht so schwer sein.

  • Nicht weniger ernst blickte der Heiler aus Zorgans Umland zu der roten Frau neben sich.


    Seine Antwort war, es war wohl der Situation geschuldet, schlicht das Nötigste:


    "Es sind verschiedene Verletzungen. Einige schwerer, andere weniger. Alle sollten jedoch schnellstmöglich versorgt werden. Ob nun Abschürfungen oder Blutergüsse. Dazu kann ich derzeit nicht sagen, ob sie sich nicht noch etwas gebrochen hat. Wir müssen jeden Winkel in Augenschein nehmen, dürfen nichts dem Zufall überlassen."


    "Wozu ich dich also brauche? Damit sich jemand um das kümmert wozu ich nicht komme, weil wahrscheinlich ihr Kopf schon viel Zeit in Anspruch nehmen wird."


    "Näheres gleich, wenn wir dort sind - und du dir einen ersten Eindruck von der Situation machen konntest."


    Dann wandte er den Blick für einen Augenblick zu Feqzjian, der just in diesem Moment mit einem Messer hantierte.


    "Wie bereits angedeutet, für eine lange, ausschweifende Untersuchung war noch keine Zeit. Wollen wir aber hoffen, dass das nicht der Fall ist..."

    :queen:


    "Der Metzger weiß, dass die Heilung nur durch die Erteilung zusätzlicher Schmerzen zum Erfolg gedeihen kann."

  • "Sicher... Ich werde ihre Verletzungen reinigen und versorgen.." kurz hielt sie inne. Gleich wären sie da.
    "Auch wenn Ihr jemanden hättet schicken können - so groß ist das Lager nicht. Das wäre besser gewesen. Dann hättet ihr die Augenblicke gehabt, Euch ihren Kopf schon einmal genauer anzusehen."

    Sie musste ihn in diesem Fall kritisieren - Das Mädchen war in Lebensgefahr, so wie sie es den Erzählungen entnahm. Er hatte sicher seine Gründe - aber selbst wenn sie selbst so etwas später eingetroffen wäre, die Blessuren ihrer Extremitäten, würden die Unglückselige sicher nicht umbringen.


    Ihr grüner Blick huschte zu Feqzjians Messer.
    "Schneide gleich ihre Kleidung auf, Phex." Es klang fast schon wie ein Befehl, so bestimmt und sicher. "Wir sollten sie nicht soviel bewegen."

  • Sicherlich hatte sie nicht ganz Unrecht, wenn sie sagte er hätte jemanden schicken können - aber wen, an einem späten Abend am Lazarett? Diese Person hätte er sich wahrscheinlich erst suchen müssen und damit mehr Zeit verloren als wenn er, wie er es getan hatte, selbst losgegangen wäre. Dazu wollte er die beiden Männer, Baltram und Zolthan, jetzt nicht unbedingt trennen. Sie kannten sich und irgendjemand sollte sich um ihr geistiges Wohl kümmern, sicherstellen, dass sie selbst keinen Schaden davontrugen. Khaid hob innerlich die Schulter. Die Bemerkung war angebracht, auch wenn der Gedanke dahinter vielleicht nicht gänzlich zu Ende gedacht wurde.


    Wieder im Lazarett nickte er den Männern kurz zu, führte für die Hinzugekommenen eher grob an:


    "Baltram und Zolthan, sie haben das Mädchen gefunden. Über die genaueren Umstände können sie sicherlich noch etwas sagen."


    "Die Kleine selbst liegt hier drüben", fuhr er fort und deutete auf eine Liege, auf die sie Essandra befördert hatten.


    "Wir fangen mit der Kleidung an. Feqzjian?", endete er und machte sich auf alles bereitzulegen, was sie zu Beginn brauchen würden. Etwas zum Waschen, das Heilerbesteck, diverse Utensilien und ebenso ein paar Salben, die die offensichtlichen Wunden recht zügig lindern sollten. Hoffentlich.

    :queen:


    "Der Metzger weiß, dass die Heilung nur durch die Erteilung zusätzlicher Schmerzen zum Erfolg gedeihen kann."

  • "Schon dabei.", raunte der Freischärler. Ein kurzer Blick folgte der Handgeste des Heilers, ehe der Maraskaner sich zu der Liege des Mädchens begabt. Die Klinge des scharfen Messers zuckte zu den Nähten und begann sie mit kurzen Schnitten aufzutrennen. Die wenigen Momente in denen es notwendig war das Messer ruhen zu lassen und stattdessen mit einer freien Hand den Stoff zur Seite zu ziehen, nutzte er um seine Aufmerksamkeit auf die Verletzungen des Mädchens zu richten.
    Sie sah übel aus - aber sie war ja auch von einer Klippe gefallen. Jedenfalls nahm man das an. Sollte einer der Einwohner Gutenbuchts sich gar zu sehr über die Neuankömmlinge geärgert haben, war ein junges Mädchen am Rand einer Klippe das geeignete Ziel für einen wütenden Feigling. Es war daher aus zweierlei Gründen wichtig das Leben des Mädchens zu retten und ihre Geschichte zu erfahren.


    "Wissen ihre Eltern bescheid?", fragt er über die Schulter und warf das, was vor kurzem noch benutzbare Kleidung gewesen war zur Seite, ehe er den Platz direkt an der Liege räumte. Dann sah er zu Baltram und Zolthan. "Sah die Klippe an der Stelle an der sie abgestürzt sein muss besonders rutschig aus?"

  • Noch schlief das Lager nicht vollständig, war es doch gerade erst die Zeit in der der Abend dem Sternenhimmel wich - mindestens zwei Stunden oder etwas mehr vor Mitternacht.

    Einige wenige dunkle Gestalten saßen an den Feuer, unterhielten sich - irgendwo sang jemand. Den sporadischen Wanderern durch die Gassen des Lagers, die ihnen zu Fuß begegneten, nickte Nef trotz der Eile grüßend zu, hatte sie in den letzten Monaten doch vielen im Lazarett helfen können. So etwas blieb den Menschen im Gedächtnis. Trotz der nötigen Schnelligkeit, wollte sie - wie es ihre Art war - jeden Moment nutzen, der sich bot, um ihre neu gewonnenen Kontakte zu pflegen.


    Khaid antwortete nicht auf ihren Einwand. Vielleicht dachte er an die beiden Männer, die er verunsichert und zum Warten verdammt zurückgelassen hatte.
    Die nichts anderes tun konnten, als das bewusstlose Kind anzusehen - ohne etwas Hilfreiches tun zu können. Nächstes Mal würde er in so einem Fall sicher einen von ihnen als Boten schicken, um ihm die Möglichkeit zu gehen, das Gefühl zu haben, aktiv dabei zu helfen, eine Rettung in Gang zu setzen, während er den anderen damit beruhigen konnte, dem Heiler bei der Erstversorgung zusehen zu lassen. Im Umgang mit Menschen war Khaid... schlicht.
    Ein wenig Leid tat er ihr. Sicher hatte er in seinem Leben immer wieder feststellen müssen, dass er im Bereich der Heilkunst ein grandioses Wissen offenbarte, während er auf der menschlichen Ebene... des Öfteren an Fehleinschätzungen litt - gut, dass er Therbûnit und nicht Noionit geworden war. Seine Suizidquote unter den Patienten wäre sicherlich höher gewesen als bei seinen Brüdern und Schwestern.

    Sie presste die Lippen aufeinander. Ihre ausschweifenden Gedanken hatten sie dazu gebracht schmunzeln zu wollen - äußerst unangebracht in dieser Situation. Glücklicherweise hatte sie es gerade noch verhindern können.


    "Einen guten Abend..." raunt sie den beiden bleichen Männern zu. Die zwei waren ihr schon begegnet - so viele Monate, dazu ebenfalls Aventurier - es blieb nicht aus. Man kannte sich zumindest vom Sehen und Hören. Gäste im Heilerzelt waren beide noch nicht gewesen, soweit sie das sagen konnte.


    Die Garetherin kannte das Lazarett mittlerweile wie im Schlaf.
    Monoton suchte sie gemeinsam mit Khaid zusammen, was sie brauchen würden, während hinter ihr das Geräusch vom zerschneidendem Stoff erklang.
    "Wo genau habt ihr sie gefunden? Lag sie ganz unten an der Brandung oder auf einem Zwischenplateau der Klippe - so dass wir abschätzen können wie tief und damit schwer sie gestürzt ist? Kennt ihr ihre Eltern oder ist sie eine aus dem Waisenheim?" Nebenbei sah sie zu den beiden Findern der Gefallenen.


    Dann wandte sie sich Essandra zu. Sie war vielleicht dreizehn Jahre alt. Ein süßes blondes Mädchen... Und so blass.

  • Corvin lauschte den Worten aus dem Lager, und schnappte einige Fetzen der Unterhaltung auf "Wie viele [...] brauchst du?" - "Was ist los?" - "[...] Mädchen [...] Klippe gestürzt, wir wissen nicht [...]. [...] wird die paar Augenblicke [...] überleben. [...]". War das nicht Kahids stimme? Dieser Peraine geweihte mit dem Nef sich schon vor der Überfahrt im Lazarett herrumgetrieben hatte? Corvin hatte ihn des öfteren mit Salben und Tränken versorgt. Seiner Stimme nach zu urteilen schien es sehr ernst zu sein.


    Das Kahid hierher kommt, um nach Hilfe zu suchen sprach nicht gerade für ein gut besetztes und ausgerüstetes Lazarett. Wie fahrlässig, dass immer erst etwas ernstes passieren muss, um die Menschen wach zu rütteln ... . Corvin verwarf weitere Gedanken, es war Zeit zu handeln. Noch bevor er ganz aus seiner Hängematte aufgestanden war hörte er wie sich die Schritte der anderen sich schon wieder rasch Richtung Lazarett entfernten. Er ging zu seiner Jurte und kramte einige der gerade erst fein säuberlich verpackten Fläschchen heraus und stopfte sie in eine seiner Gürteltaschen. Dann eilte er den anderen hinterher zum Lazarett.


    Am Eingang des Larzaretts angekommen verschaffte er sich erst einmal einen überblick über die Lage. Nef war dabei sich um zwei etwas blasse Männer, scheinbar ebenfalls Aventurier, zu kümmern. Feqzjian wurde gerade fertig damit die Kleidung des Mädchens zu entfernen, damit die Wunden versorgt werden können. Kahid suchte alles zusammen was er brauchen würde. Corvin war ein erbärmlicher Ersthelfer, aber die anderen schienen zu wissen was zu tun war. Er wartete einen passenden Augenblick ab und fragte dann in Kahids Richtung:

    "Habt ihr alles was ihr braucht? Wie kann ich helfen?"

  • Zolthan blickte auf die Frage der roten Frau zu Baltram, der den Blick seines Freundes erwiderte. Es machte den Anschein als wollten sie beide den jeweils anderen mit borongefälligem Schweigen zum Reden bewegen. Baltram nickte Zolthan schließlich zu. Der Mann, der bisher kein Wort gesprochen hatte seit er im Lazarett angekommen war, fing an sich zu öffnen. Dabei sprach er jedoch langsam, als würde er jedes Wort im Kopf noch einmal überdenken um bloß nichts zu sagen, das missverstanden werden konnte.


    "Sie.. wir kennen sie nicht, nicht wirklich. Etwa so sehr wie den Heiler oder euch - man hat sich mal gesehen, aber nicht unbedingt Namen und Geschichte ausgetauscht. Ihre Eltern wohnen hier, glaube ich, auch irgendwo. Ich weiß aber nicht wer sie sind. Sicher bin ich mir aber nicht, könnte auch ein Waisenkind sein."


    Khaid lauschte den Worten, während er Feqzjian dabei zur Hand ging das Mädchen von seinen Kleidern zu befreien. Das Schweigen der Männer hatte ihn zumindest kurzzeitig darüber nachdenken lassen, ob seine Wahl an diesem Abend klug gewesen war. Nicht hinsichtlich seiner Helfer, sondern ob er nicht doch einen der Beiden hätte schicken sollen. Er musste innerlich mit den Schultern zucken, ändern konnte er es für diesen Fall ohnehin nicht mehr. Einfach das beste daraus machen.


    "Gefunden haben wir sie.. also wir waren nahe der Brandung, ja, aber sie nicht. Waren auf dem Rückweg, da ist sie Zolthan aufgefallen. Neben ihr lagen ein paar Möweneier, zerschellt, und.. also ich weiß nicht wie tief das war.. oder wie hoch die Klippe.. aber so wie die Eier aussahen.. Sie lag jedenfalls auf so einem Zwischenplato."


    Nachdenklich strich sich der mittlerweile behandschuhte Heiler mit einem Finger ums Kinn. Die Angaben des Mannes waren alles andere als präzise, doch konnte man ihm das kaum verübeln. Dann wandte er den Blick zur Seite, zu Corvin, der sich ebenfalls im Lazarett eingefunden hatte. Ein Segen, dass ausgerechnet der Alchimist der bunten Schar sich ins Lazarett verirrt hatte. Denn, so der Eindruck des Therbûniten, die Vorräte die er bei Corvin erstanden hatte, neigten sich teils dem Ende zu - oder der Heiler hatte einige der Sachen falsch einsortiert.


    "Guten Abend, Corvin", entgegnete Khaid und wies dem Bittenden nur zu gerne eine Aufgabe zu. "Seht bitte nach, ob wir noch genug Wundsalbe haben - auch für die kommenden Tage. ansonsten wären hochwertige Heiltränke sicherlich nützlich. Gerade heute. Das kostet uns Geld, spart uns aber Zeit."


    Heiltränke. Solche, die in Aventurien rund 100 Dukaten kosteten hatte er nie im Lazarett. Ob Corvin solch eine Qualität bieten konnte?


    Zumindest hoffen durfte er es, damit alle Probleme außer dem Kopf des Mädchens rasch der Vergangenheit angehören konnten...

    :queen:


    "Der Metzger weiß, dass die Heilung nur durch die Erteilung zusätzlicher Schmerzen zum Erfolg gedeihen kann."

  • Nef hielt inne. Sie hielt einen Satz frische Verbände in der rechten, dazu ein weiches Tuch, um die zerschlagenen Gliedmaßen des Mädchens zu reinigen.


    Ihr Blick wurde sanftmütig, nacheinander sah sie die zwei Männer an, bis der eine sprach.
    Behutsam nickte sie und kam näher, bis sie eine Art Dialogabstand hatte.

    "Ihr habt alles getan, was ihr konntet. Die Götter ließen sie euch finden, ihr habt sie geborgen. Und ihr habt sie an den einzigen Ort gebracht, an dem man ihr würde helfen können. Geht - ruht euch aus. Phexdan wird sich daran machen, ihre Eltern noch heute Nacht zu finden - er ist gut in sowas. Braucht ihr noch etwas? Ich würde mich sonst sofort daran machen, ihre Blessuren zu versorgen."
    Sie lächelte matt, aber aufmunternd und berührte sacht nur einen Wimpernschlag lang die Schultern desjenigen, der den Mut aufgebracht hatte, zu sprechen.
    Die beiden "Finder" wussten eigentlich gar nichts - sie war so schlau wie vorher.
    Aber mit einem kurzem, aber eingehendem Seitenblick zu dem Exilmaraskaner wusste sie, dass er - nachdem er mit dem Schneiden der Kleider fertig war - alles daran setzen würde, ihre Familie aufzuspüren - wenn es sie denn gab.

  • Baltram nickte zögerlich und antwortete der roten Frau kurz darauf, wenn auch etwas zögerlich.


    "Dann.. ja, ihr habt recht, vielleicht sollten wir uns ausruhen. Oder, Zolthan?"


    Zolthan richtete seine Aufmerksamkeit auf seinen längjährigen Freund, dann auf Neph.


    "Ich.. ich würde später ungerne nochmal wiederkommen, ihr seid sicher beschäftigt, aber.. habt ihr etwas, das mir das Einschlafen leichter macht? Ich.. ich will nicht die ganze Zeit das Bild vor Augen haben und.. und darüber nachdenken. Einfach nur schlafen."


    Eine Sorgenfalte bahnte sich während Zolthan sprach den Weg auf die Stirn von Baltram. Er sah es ungerne, dass diese Sache seinem Freund so zu schaffen machte.

    :queen:


    "Der Metzger weiß, dass die Heilung nur durch die Erteilung zusätzlicher Schmerzen zum Erfolg gedeihen kann."

  • Sie prüfte wie in einem Automatismus zuerst Zolthans Ohren. Das passierte immer, wenn sie Katzenkraut ausgab. Wenn sie nämlich jemanden mit mehr als einem Schuss Elfenblut vor sich hatte, konnte die Gabe der Pflanze eine ganz andere Wirkung in rahjaisch feucht-fröhlicher Richtung haben.
    Nef nickte rasch.
    "Sicher, ihr bekommt Katzenkraut. Wir haben noch einen kleinen Rest. Brüht es Euch als Tee auf, danach werdet ihr Schlafen wie in Zulhamids Schoß."

    Nachdem Zolthan und Baltram gegangen waren, lag all ihr Fokus auf dem gestürzten Mädchen.
    Sie wusch mit aller aufzubringenden Vorsicht und Sanftheit die dünnen Arme und Beine. Blutergüsse, offene Stoßverletzungen und auch einige Schnitte wohl vom scharfkantigen Fels wurden mit Wasser gereinigt. Sie hatte kein Salbei zur Wundheilung hinzugeben können, weil sie keinen mehr hatten.

    Sie hoffte, Corvin konnte eine gute Salbe auftreiben.