Im Reich der Rosen

  • Aus dem Tagebuch eines aventurischen Flüchtlings:


    Wir dürften uns nicht festlegen – dieses Prinzip hatten wir verinnerlicht, um uns keiner unnötigen Gefahr auszusetzen. Und schon gar keinem Einlösen eines halsbrecherischen Versprechens.

    Immer phexibel bleiben: Mal hier hin, mal dort hin – bleiben wir in Bewegung, dann leben wir!
    Das war unsere Idee. Wie sollte man uns finden, wenn wir selbst nicht wussten, wo wir waren?

    Unser buntes Grüppchen ist nicht feige, allerdings ist keiner von uns für eine Schlacht gemacht.

    Der Zahori ist ein Säbelkämpfer, aber kein Soldat. Die gefallenen Stadtwächter können sich mit aufsässigen Trunkenbolden auseinandersetzen… aber mit den kampferprobten Streitern einer Schlachtreihe…?

    Der Maraskaner führt zwei Klingen und für die Verteidigung gegen einzelne Angreifer war und ist er gewappnet, aber kleine Scharmützel sind etwas gänzlich anderes als das Aufeinandertreffen von Armeen. Über die anderen zwei gibt es auch nicht viel anderes zu sagen.

    Und ich selbst… Ich bin nahe dran am Pazifismus, denke ich. Sicher, ich würde notfalls auch zur Waffe greifen, um jemanden zu beschützen, aber alles in allem halte ich Gewalt oft für die Unnötigkeiten ungeduldiger Tyrannen. Man muss mir schon einen verdammt triftigen Grund geben, um zu riskieren, ein Leben zu löschen – ein Licht, das ich nicht im Stande bin wieder zu entzünden, wenn ich plötzlich meine Meinung ändere. Die Wenigsten kennen wohl dieses Geheimnis – und die, die es tun und praktizieren, machen sich unter den Zwölfen sicher keine Freunde.


    Wir haben uns für die ferne Insel Mythodea entschieden, weil sie auf vielfältige Weise Neues versprach, soviel, das anders sein würde, als das, was wir kannten. Und auch eine Ablenkung von dem was man verloren hatte, sollte sie sein.

    Ich weiß nicht, was wir uns versprochen haben. Ich bereue nicht, dass wir die monatelange Überfahrt angetreten sind, aber ich schüttle ungläubig und ein wenig beschämt den Kopf über unsere naiv-verträumten Erwartungen. Wie Kinder haben wir in unserer Fantasie Gold gesponnen und Stroh gefunden.

    Brennendes Stroh.

    Wenn der Krieg der einzige Grund gewesen wäre, Maraskan zu verlassen, dann wären wir vom Regen in der Traufe gelandet – gänzlich.


    Unser Plan zu reisen, wie wir auf Maraskan kämpften, wie die Freischärler im Schutz und gleichermaßen der Gefahr des Dschungels – ist hinfällig.


    Unsere Neugier war zu groß, als wir von dem Dorf voll von Aventuriern hörten und noch verlockender wurde der Gedanke sich zu zeigen, als wir einen von ihnen trafen.

    Gar nicht weit von unserem Lager, sollte es ein kleines Heer geben, das gegen das Schwarzeis und ihre Festungen vorrückte - geführt von einem Aventurier namens Antonius .

    Selbstverständlich zeigten sich vorerst nur Phexdan und ich. Wir wussten, welchen Eindruck alleine wir machen mussten – da konnten wir ihnen nicht noch die anderen zumuten. Die Vorbehalte einiger Mittelländer gegenüber südlicher oder anderartig fremder Kulturen ist nie überraschend.

    Ich denke, sie verbinden mit dem Süden unberechenbare Magie, giftige Tiere und seltsame Stilblüten im Interpretieren der Zwölfgötter. Kurz: Sie haben Angst – aber ich bezweifle, dass sie das bestätigen würden. Wie könnten sie auch, ohne einen Riss in ihrer Praios-polierten oder Kor-harten Fassade zu hinterlassen.


    Ich bin den Weg der Beni Rurech gegangen – auf die für die Tulamiden verfluchte Insel. Und jetzt bin ich auf einer nicht weniger verfluchten Insel, wie es den Anschein hat.

    Verfehmte, Elemente und Völker, die aus Magie geboren wurden. Es ist nicht leicht, sich all das zu merken, was sich in die eigene Wahrnehmung drängt. Ihre Religion, der Glaube an das Elementare ist enorm interessant und ich gehe davon aus, gedankliche Parallelen zu beispielsweise den Ansichten in Al’Ahabad sind alles andere als ausgeschlossen, bleibt Feuer doch immer heiß und rot und Wasser immer flüssig und blau – schlicht symbolisch betrachtet. Jeder, der sich näher mit den Elementen beschäftigt, weiß, dass die Zuteilung einer Farbe lediglich eine farbliche Facette eines Elements ist.


    Wir hatten Zackenberg gefunden und Zackenberg verloren, ohne jemals dort gelebt zu haben.

    Phexdan machte schon einen Affenaufstand, als ich damals nur angedeutet hatte, dass man da heimisch werden könnte – was soll ich sagen? Am Ende hatte er Recht: Zackenberg war wirklich gefährdet und nun ist es vermutlich restlos zerstört. Das Schwarzeis ist kein Wesen, es ist ein magisches System – es macht gleich und glatt. Es scheint ganz hervorragend das zu verkörpern, was ich verachte und fürchte.


    Aber auch wenn wir in unserem eigenen Lager im Wald blieben, kamen wir einige Male in die neu gegründete Siedlung mit dem Zackenberger Baron.

    Und je brisanter die Situation wurde, desto öfter half ich dem Geweihten Khaid Harunian ( Nebbi ) (er hängt gerne ein –son an seinen Namen, um seine thorwalsche Verbundenheit auszudrücken – wie es wohl dazu kam?) im Lazarett.

    Ich bin alles andere als eine echte Medica, aber ich weiß wie man Blutungen stoppt und Verbände anlegt. Eine Erstversorgerin – das könnte ein passender Begriff für mich und meine Fähigkeit im Bereich der Heilkunde sein. Wir mussten die Verwundeten sehr häufig manuell wärmen. Die Kälte setzte den Hilfsbedürftigen ebenso zu, wie die Wunden selbst und raubten uns die eine und andere Seele.

    Und da war ich also – vom Lazarett der einen Insel ins Lazarett der anderen Insel.

    Es war so bitter, dass ich nicht umhin konnte, über mich selbst zu lachen. Auch im Waisenhaus habe ich nach dem Rechten sehen wollen – aber die Kinder waren schon mit einem der ersten Schiffe fortgebracht worden. Zum Glück!


    Und so küsste ich Voltans Amulett, legte das Schicksalsrad und versprach dem Listenreichen eine Pointe.

    Und siehe da?

    Jetzt bin ich im warmen Shäekara, trinke fruchtigen Tee, esse Datteln und süßes Brot und erfreue mich an dem Ort, der uns Zuflucht gewährt hat: Gutenbucht.
    Der Name verheißt viel. Er ist nicht besser oder schlechter als andere Orte, aber als Flüchtling aus einem überrannten Gebiet, erscheint die Sicherheit, das Asyl in den ersten Wochen alveranisch. Ich zeichnete letzte Woche einige hier heimische Pflanzen – sie erinnern mich an die Flora nahe Khunchom.

    Einige der Einheimischen beäugen uns kritisch, andere pöbeln, wieder andere heißen uns herzlich willkommen – uns, die Fremden aus der noch fremderen Fremde mit denen für sie seltsamen zwölf Göttern.

    Das Reich der Rosen – sehe ich die Wahl der Farbe meiner Kleidung als Omen, so denke ich, wir haben eine passende Wahl getroffen oder besser: sie hat uns getroffen. Denn eine große Wahl hatten wir Aventurier nicht.

    Ich frage mich, was die Herrscherin dieser Gegend von uns möchte. Sie wird Nyame genannt, es ist ein Titel, den ich noch nicht allumfassend begreife. Aber ich weiß, dass ihr Titel kein Erbtitel ist.

    Es wird doch nicht alleine aufopfernde Gutherzigkeit gewesen sein, dass sie uns in ihrem Lehen aufgenommen hat..? Unwahrscheinlich. In welcher Welt gelangen selbstlose Menschen an Machtpositionen.

    Gerade Phexdan taut auf – im wahrsten Sinne des Wortes – hat er in und um Neuzackenberg doch nur gefroren. Er streunt wieder herum wie ein Kater auf der Pirsch. Ich warte noch, wann er erstmalig als dunkles Gelichter mit Schimpf vor einen Büttel getrieben wird – oder wie man diesen Beruf im Reich der Rosen getauft hat.

    Es gibt hier in der Region ein elementares Siegel der Magie, das weitere Nachfragen mehr als wert sein dürfte. Die Magie hier auf Mythodea scheint viel stärker und einfacher zu fließen als in der Heimat.

    Ich spüre sie wild wie ein zweiter Satz unsichtbarer Adern durch mich strömen.

    Abu al’Ashtarra, Abu al’Yinnahim – auch wenn man mir sagte, die Zwölfgeschwister wären in dieser anderen Welt fern, so glaube ich das nicht ganz.
    Ich sehe die Sterne und ich spüre die Magie. Wie fern kannst du also sein?

  • Peraine 1040

    Liebes Tagebuch. Wir sind jetzt schon eine ganze Weile in deutlich angenehmerem Klima als während des Angriffes des schwarzen Eises (lächerlicher Name – aber mir ist ohnehin jeder suspekt, der sich selbst als perfekt bezeichnet). Wenn du mich fragst, den Zackenbergern – hier nennen sie einige Einfältige Zeckenberger – konnte kaum etwas Besseres passieren als überrannt zu werden. Nunja – gut. Sie hätten rechtzeitig einsehen können, dass der einzigartige Platz ihrer Siedlung etwa so angenehm war wie die Grimmfrostöde und dann ohne die ganzen Verluste gehen können, aber…


    Ungeduldig, aber umso kraftvoller strich der junge Südländer den erst kurzen Text durch, ehe er sein junges Leben als literarisches Meisterwerk hatte genießen können. Mit flinker Hand schmierte er noch darunter „Bruderlos nutzlos!“, ehe er das Buch zuklappte und es zusammen mit seinem Kohlestift achtlos über die Schulter warf.

    Wozu sollte er Tagebuch schreiben? Er würde ohnehin nie wieder hineinsehen – und selbst wenn er es mal tat, würde es ihn nur langweilen. Immerhin war er bei allem, was er notieren könnte selbst dabei gewesen. Er hatte wirklich keine Ahnung, was Nef dazu bewog eines zu führen. Wahrscheinlich reizte sie nur der Gedanke, dass es irgendwann jemand lesen könnte, damit sie sich irgendwo herauswinden musste. Insgeheim liebte sie die Schwierigkeiten doch!


    Er erhob sich agil von dem niedrigen Pfosten auf den er sich am Hafen der Gutenbucht gesetzt hatte. Die lange Quarantäne hatte ihm auf’s Gemüt geschlagen. Er begann inzwischen die Ereignisse der vergangenen Wochen und Monde zu zerdenken.

    Alles hatte begonnen, als sie sich dieses schwarze Herz hatten ansehen wollen. Eine Festung dieses vermaledeiten schwarzen Eises. Schon an dem Namen konnte man ablesen, dass es sich dabei um Wesen des Äthrajin handeln musste. Wer schon die Farbe Schwarz und arschkaltes Eis mischt, um sich zu benennen konnte ja nur was mit den Dämonen gemein haben.

    Und dann der Umstand, dass sie genau genommen kein Geschlecht hatten! Wie konnte denn etwas Gutes erwachsen bei einer derartigen Einheit? Er schauderte und schob die Hände tief in seine Hosentaschen, um die warme Luft ihrer neuen Heimat in seine Lungen zu saugen. Viel besser als Neu-Zackenberg, bei dem er sich von Anfang an sicher gewesen war, dass der Name von Eiszacken herrühren musste.


    Die Truppen der Freyenmark hatten es vergeigt und waren gezwungen gewesen sich zurückzuziehen. Kein Wunder. Bei dem was er auf dem Feld gesehen hatte – oder besser – außerhalb desselben gehört hatte, waren die einzelnen Landesteile sich nicht einmal einig genug, um einem Zweijährigen eine Spezerei zu stehlen. Er zerlegte seine zerstrubbelte Frisur noch ein wenig mehr, als er sich gedankenverloren den Scheitel kratzte.


    Die Niederlage war absehbar gewesen, als Maraskaner sog man ein Gefühl für verlorene Gefechte mit der Muttermilch auf. Also hatten er, Nef und die anderen sich schon vor dem Ende der Belagerung in Richtung der Hauptsiedlung der Baronie zurückgezogen und waren dementsprechend sehr viel früher eingetroffen als Kämpfende auf einem Rückzugsgefecht.

    „Rückzugsgefecht“ – schon das Wort war so sinnlos. Wenn man sich zurückzog, dann hatte man offenbar verloren. Und als ob es nicht schon dämlich genug war, sich überhaupt auf eine offene Feldschlacht einzulassen, blieb man dann auch noch stehen, wenn man verloren hatte, um auch ja alle Dresche mitzunehmen, die man bekommen konnte. „Garethjas…“, schoss es ihm durch den Kopf. Als Schwester Hesinde den Sinn für praktische Logik verteilt hatte, hatten sie sich offenbar dem Geschenk verweigert.

    Die Raffinesse eines gut geplanten Hinterhalts, die familiäre Atmosphäre kleiner aber effektiver Freischärler-Einheiten war gänzlich an ihnen allen vorbei gegangen. Als hätte es wirklich eine ganze Armee gebraucht, um den Vormarsch des Schwarzen Eises aufzuhalten.

    Er blieb stehen und sah auf die Ansammlung von Zelten zurück, die sie im Augenblick bewohnten. Trotzdem waren diese Leute zu bewundern. Im Angesicht der totalen Niederlage, in dem Wissen, dass jene, die sie liebten, ihre Familien, Freunde und Kampfgefährten sich auf einem aussichtlosen Schlachtfeld immer weiter zurückziehen und bluten mussten, hatten sie einen kühlen Kopf bewahrt. Sie hatten Palisaden versetzt, den Hafen verstärkt, von dem von Anfang an klar war, dass er ihre letzte Stellung bedeuten würde. Natürlich hatten sie vergessen die Zeit zu nutzen, um vor ihren Wällen Fallen zu bauen, die ihnen einen Teil des feindlichen Ansturms nehmen würden – aber sie waren eben Festlandbewohner. Sie waren gewohnt anzugreifen – nicht angegriffen zu werden.

    Es war eine Erleichterung gewesen, als ein Haufen in Felle gekleideter Barbarenkrieger aufgetaucht waren. Endlich jemand, der einen Sinn für’s Praktische besaß. Und für einen guten Schluck! Und für den richtigen Umgang mit sinnlosen Gesetzen! Naja, gut – und natürlich hatten sie sich der Verteidigung angeschlossen, um die Zivilisten zu evakuieren. Das war auch nett gewesen.



    Während all dieser Zeit hatten sie in Zackenberg festgesessen. Nef ( Diana ) hatte sich dem Geweihten von Schwester Peraine angeschlossen, der dort ein improvisiertes Lazarett betreute und hatte ihm geholfen möglichst viele Leute von der Begegnung mit der jungen Schwester abzuhalten.

    Hatte er selbst die ersten Stunden noch versucht dabei möglichst nicht im Weg herumzustehen, hatte er sich bald darauf verlegt im Hafen Hand anzulegen. Eine Frau mit Federhut – hervorragende Kleidungswahl – mit Namen Federica ( Chris Chann ) hatte versucht die Verladung dessen zu organisieren, was eben notwendig war und konnte jeden Helfer gebrauchen, der sich nicht gut genug versteckt hatte, um nicht arbeiten zu müssen.

    Erst als die Kämpfe näher kamen, hatte er damit aufgehört und sich stattdessen als Späher gemeldet. Truppenbewegungen zu melden erschien ihm wesentlich erfreulicher als die Wäsche irgendwelcher unfreiwilligen Auswanderer zu schleppen.

    Als ihm bewusst geworden war, WIE nahe der Feind den Truppen der Allianz auf den Fersen war, hatte sich diese Einschätzung umgehend gewandelt. Anstatt sich aufzuspalten und den Feind ebenfalls dazu zu zwingen seine Truppen aufzuteilen und sie dann in eine Falle zu locken, hatten diese Einzelkinder ihn tatsächlich in einem großen Schwall einfach mit nach Hause gebracht!


    Seinen ersten Instinkt schon die erste Welle von Flüchtlingsschiffen zu besteigen, verhinderten lediglich zweierlei Dinge: Zum einen hatte Nef sich in den Kopf gesetzt weiter in dem Lazarett zu helfen. Gerade nachdem die eigenen Truppen die relative Sicherheit der Ansiedlung erreicht hatten und Bauernmilizen in die Kämpfe eingegriffen hatten, gab es derart viele Verletzte, dass ihr Gewissen es ihr nicht erlaubte zu gehen.

    Zum anderen hatte er die Schiffe beobachtet, um einen Weg zu finden, sie unbemerkt zu betreten – und dabei die Frauen und Kinder gesehen, die sich weinend von den Familienmitgliedern verabschiedet hatten, die den Widerstand aufrecht erhalten wollten, um ihren Angehörigen die Flucht zu ermöglichen. Er hätte seinen Namen lieber augenblicklich im Buch der Abwesenden gesehen, als diese tapferen Familien um einen Platz auf einem der Schiffe zu betrügen – also…war er geblieben und hatte den Schiffen nur nachgesehen, als sie ablegten, um die schwächsten Glieder der Aventurier in Sicherheit zu bringen.

    Die folgenden Kämpfe waren schwer gewesen. Jeden Tag gab es Tote zu beklagen. Feqzjian selbst hatte sich nur selten beteiligt. Jetzt, wo der Feind bereits vor den Toren stand, gab es nur wenig, was man noch im Geheimen tun könnte. Flankenangriffe nach dem Muster „Treffen und Rennen“ war das Einzige, was ihm und den seinen geblieben war. Tair Alfahan war ein Meister in dieser Taktik.

    Das waren in dieser Situation zwar nur Nadelstiche – aber durchaus solche, die ihren Sinn hatten. Wann immer er oder Tair ihre Klinge in der Essenz versenkten, nahm es den Druck von einem Kampf der sich gegen einen Familienvater richtete. Dieser Beitrag mochte nicht groß sein – aber er kam von Herzen.

    Erst als die Kämpfe derart schwer tobten, dass es nicht mehr sicher war das Lager in kleinen, beweglichen Gruppen zu verlassen, hatten sie die Angriffe eingestellt und sich in den Hafen begeben, um die Ankunft der letzten Evakuierungsschiffe vorzubereiten. Hilfe brauchte man dort überall und so waren sie nahe bei Nef und den Verletzten als die Zeit kam zu entscheiden, wer die Schiffe sofort besteigen und wer noch in den Kämpfen durchhalten sollte.


    Am Ende des Steges drehte er um und sah zu der Sonne ihres Asyls hinauf. Sie war warm und angenehm. Hier verstand man das Leben. Er nickte und machte auf dem Absatz kehrt, um sein Buch und den Stift wieder einzusammeln. Mochte sein, dass ein Tagebuch einfach nicht seine Sache war – aber wenn er die erste Seite herausriss, dann konnte Nef es sicher brauchen, wenn ihres voll war. Ein schönes Geschenk, wie er fand.

  • Beherzt langte der Nordaranier in seine Tasche und befreite das Vademecum, ehe er sich auf dem nächstgelegenen Baumstamm niederließ und das Buch in seinen Händen einen Platz in seinem Schoß fand. Die vergangenen Monde waren selbst dem schlachtenerprobten Therbûniten schwergefallen. Nicht ob des Blutes, der Wunden, etwaiger Krankheiten, sondern des stetigen und doch vermeidbaren Wandels hin zum Schlechten. Während er seinen Dienst weitestgehend im Lazarett verrichtet hatte, nahmen immer mehr seiner Mitstreiter die Annahmen dahergelaufener Spitzhüte für bare Münze. Zweite Sphäre. Er hatte es sich angehört und so wie das Gerede der Maraskaner hielt er auch diese Theorie für Unfug. Zwar hatte das Ganze nicht das nahezu blasphemisch-ketzerische Ausmaß wie die Mutmaßungen um Golgari zu Zeiten der Kelriothar, dennoch ließ es ihn bisweilen erschaudern.


    Es war beunruhigend, wie der Mensch – selbst einige Götterdiener – sich offenbar nach Konformität sehnte und sich rasch den Gepflogenheiten des Landes anpassen wollte, in dem er weilte. Wenn jeder Wanderheiler aus seinem Orden so vorgegangen wäre, gäbe es sicherlich mehr Vertreter unter ihnen, die Peraine nur mehr als eine von Rastullahs Frauen sahen. Ausgeschlossen war das nicht, doch alleine schon dieser Nonsens des „Über die Elemente können wir unsere Götter erreichen“ entbehrte jedweder Logik. Am Ende beteten sie doch nur Naturgeister an und wahrscheinlich verfügten diese über irgendeine Form der Magie, durch die sie etwaige „Wunder“ wirken konnten. Doch alleine der Umstand, dass Mythodea offenkundig auf dem Zivilisationsstand von Andergast war, durfte den Intellekt des Einzelnen nicht schmälern und/oder unter einem Haufen Erde begraben. Sicherlich gab es eine gewisse Legitimität für den Glauben an Naturgeister, wenn keinerlei Missionierung stattgefunden hatte und die Region, eben wie Andergast, mit Zivilisation so viel zu tun hatte wie Peraine mit Schwertkampf. Immer dann waren Himmelswölfe und andere Kreaturen gefragt – oder eben „Aqua“, das etwa den Charme von „Tsaturahja“ hatte, wie William es nannte. Eine vermeintliche Gottheit, die mit anderen über einen Kamm geschert wurde – Efferd und Peraine, Wasser und Heilung.


    Es zeugte von Unwissenheit – oder einer Abkehr vom Glauben an die Zwölfe.


    Vielleicht auch von beidem.


    Aus solchen Gründen hatte er selbst stets das thorwalsche Pantheon „gemieden“, denn es war ein anderer, grundsätzlich regionaler Kult – obgleich einige der Zwölfe als Götter oder wenigstens als elementare Gottheiten Berücksichtigung fanden. Alleine das Fehlen des Götterfürsten ließ den Glauben der Thorwaler in vielerlei Hinsicht als verpönt gelten. Dennoch. Immerhin bestanden der maßgebliche Teil ihres Pantheons aus legitimierten Göttern oder Halbgöttern des Pantheons der Zwölfe. Insofern stellte es mehr eine krude Abwandlung dar, eben eine regionale Ausprägung, als ein vollkommenes Lossagen vom aventurienweit einzig anerkannten Glauben.


    Khaid atmete tief durch.


    Zu allem Überfluss stellte das Verlieren der eigenen Schäfchen nur eines der Probleme dar, die sich mit der Fahrt nach Shäekara aufgetan hatten. Auch wenn er womöglich nie den Eindruck erweckt hatte, lag ihm viel an denen, die Mythodea für Urukar hinter sich gelassen hatten. Ein mildes Lächeln huschte über sein Gesicht als er an das Stirnband dachte, das er noch einmal für Lanyana aufgesetzt hatte, auch wenn es ihm – bei Swafnir – wahrlich nicht stand. Oder an die Gespräche mit Garion, dem Vernünftigen zwischen all den Chaoten die eine Einheit bilden wollten. Dorian der Spaßmacher war zwar nicht nach Aventurien zurückgekehrt, dennoch hatte er sich mehr und mehr zurückgezogen, so dass ihre letzte Unterhaltung eine Ewigkeit her schien. All das würde sicherlich, unweigerlich, dazu führen, dass sich die Aventurische Allianz immer mehr zu einem militärischen Bündnis entwickelte, schon ob des dämokratisch gewählten Anführers – Antonius. Umso wichtiger war jedoch das gute Verhältnis der Beiden zueinander und vielleicht das Wort eines solchen, der fast als einziger noch die Stunde der Gründung dieser Gemeinschaft miterlebt hatte, ihre Ideale und Werte vertrat und die wichtigen Momente miterlebt hatte, ob den von Boras eingefädelten Zwölfgötterdienst am Schrein oder, wie viele, die unvergessliche und zugleich bewegende Feuerbestattung des Kriegers Urukar.


    Seufzend legte der Therbûnit den Kopf in den Nacken.


    All diese Dinge waren kaum drei Götterläufe her, und dennoch: Er fühlte sich alt.


    Ein Kopfschütteln später hatte er das Buch in seinem Schoß aufgeschlagen und frischte sein Wissen um die Hüterin des Lebens wieder auf. Sich damit zu beschäftigen war seine Pflicht, und wer wusste es schon zu sagen, vielleicht ließ ihn sein Streben nach Wissen und sein Dienst an der Göttin ihn lange genug gesund und am Leben bleiben, um die alten Freunde eines Praioslaufs doch wiederzusehen.


    Er hoffte es jedenfalls. Falls nicht, so blieb ihm immer noch Peraines Garten...

    :queen:


    "Der Metzger weiß, dass die Heilung nur durch die Erteilung zusätzlicher Schmerzen zum Erfolg gedeihen kann."

  • Aufbruch ins Reich der Rosen, Corvin Rake.


    Jetzt sind wir schon eine ganze Weile auf diesem neuen Kontinent. Als wäre die Reise hierher nicht schon beschwerlich genug gewesen, stand auch noch das sogenannte Schwarze Eis vor der Tür und war drauf und dran Neu-Zackenberg in Neu-Eisberg zu verwandeln. Die anderen hatten deutlich mehr Gründe Maraskan zu verlassen als ich, aber ohne sie wäre das Leben dort auch nicht gerade einfacher geworden. So große Pläne, ein paar falsche Schritte. Es würde Jahre dauern bis genug Gras über alles gewachsen ist, also besser die Biege machen, bevor es zu spät ist.


    Nach der langen Überfahrt und nachdem wir unser Lager etwas außerhalb von Neu-Zackenberg aufgeschlagen hatten, war es mir ganz recht, dass Nef ( Diana ) und Phexdan ( Claas ) die Vorstellung bei den Zackenbergern ohne mich angetreten sind. Unser kleines etwas abgelegenes Lager schien mir halbwegs sicher, solange das Schwarze Eis an der Hauptfront beschäftigt war. Sollten diese kaltherzigen Wesen bis dorthin durchdringen wäre ohnehin alles verloren.

    Die Wege tiefer in die umliegenden Wälder hatten mir in den ersten Wochen deutlich mehr zugesagt als der in die Stadt oder gar zur Frontlinie - gab es da überhaupt noch einen Unterschied? Die Geschichten, welche meine Freunde mir aus der Stadt zutrugen bestätigten mich jeden Tag aufs Neue.

    Die Pflanzen hier sind anders als in Aventurien, es hat einige Tage gedauert, sich in der Flora dieser Welt zurecht zu finden. Mit der Zeit erkennt man jedoch die Parallelen zur Heimischen Pflanzenwelt und lernt die hiesigen Kräuter zu nutzen. Einige hatten ganz überwältigende Wirkungen, ich werde mich weiter damit beschäftigen, sobald wir nicht mehr vor dieser vereisten Blumenwiese lagern.


    Mit der Zeit wurden die Berichte von der Front immer schlimmer. Zwar wurden die Palisaden offenbar verstärkt, aber wenn man Phexdan glauben konnte würde das nicht annähernd reichen, um das Schwarze Eis aufzuhalten. Immerhin verschaffte es uns etwas mehr Zeit für den Rückzug. Zeit die Nef im Lazarett verbrachte. Sehr praktisch außerdem. Die Beziehungen sollten helfen den ein oder anderen schmerzlindernden Trank und Tinkturen zur Wundreinigung an den Mann zu bringen. So leistet eben jeder seinen Beitrag, der eine in der ersten Reihe, der andere weiter hinten - lukrativer ist es ebenfalls. Es konnte ja wohl kaum einer erwarten, dass Sie Ihr Leben für einen Haufen unbekannte aufs Spiel setzen würden.


    Die Tage wurden mit der Zeit immer Hektischer, ich hatte mittlerweile selbst die Bekanntschaft mit einigen Zackenbergern und Mitgliedern der Aventurischen Allianz wie Khaid ( Nebbi ) aus dem Lazarett gemacht. Flüchtig wurde ich auch Antonius ( Antonius ) vorgestellt, der aber viel zu beschäftigt war, um sich viel mit mir zu beschäftigen. War mir ganz recht, von Leuten die andere zum Kämpfen einteilen sollte man sich in so einer Situation lieber fern halten. Es gab ja auch genug anderes zu tun: Waren mussten verladen werden, die Verletzten, Frauen und Kinder mussten auf die Schiffe verteilt werden. Trotz der angespannten Lage - oder gerade deshalb? - wurden mir die Menschen die hier um Ihr Leben kämpfen mit jedem Tag weniger egal. Menschen in Not entwickeln einen erstaunlich starken Zusammenhalt, der jeden beteiligen erfasst - freiwillig oder nicht, ich gehörte ebenfalls dazu.

    Ebenso froh war ich jedoch auch, als wir endlich selbst eines der letzten Schiffe betraten, um den Weg in die nächste neue Heimat anzutreten.


    Es liegen aufregende Zeiten hinter uns, doch ich kann es fast riechen - ebenso viel spannendes steht noch bevor.