Auf zur Fahrt nach Westen hin!

  • Lanyana blinzelte in Richtung Horizont, an dem sich Wasser und Himmel zu einem verschwommenen hellblau mischten. An diesem Tag konnte man kaum sagen, wo das eine anfing und das andere aufhörte. Trotz der knackigen Kälte schien die Sonne und es war kaum eine Wolke zu sehen.

    Monate waren vergangen, seit die Skjulvarg-Ottajasko den Kontinent Mythodea verlassen hatte. Lanyana war damals durchaus betrübt gewesen, als sie angefangen hatten das thorwalsche Langboot in Eile zu beladen.

    Die Rekker der Ottajasko, die in der neuen Welt geblieben waren, hatten inmitten einer vereinten Streitkraft von Freyenmärkern und Aventuriern wochenlang gegen das Schwarze Eis gekämpft, um es ihnen so schwer wie möglich zu machen, die neue Heimat zu überlaufen. Viele bekannte Gesichter hatten diesen Kampf verloren – für immer.

    Es war nicht nur die Überanstrengung der schier endlos erscheinenden Schlacht mit immer neuen, gleichen Gegnern. Lanyana hatte auch einen Stein in der Brust gefühlt, als sie während der letzten Evakuierung von Neu-Zackenberg nach Shäekara das Segel gehisst hatten, wie so viele andere Schiffe auch, die das Reich der Rosen geschickt hatte, um Freyenmärker zu retten. Zuerst die Kinder, die Alten, die Verwundeten.. und zuletzt alle abgekämpften Gesichter, die sich die letzten zähen Wochen ihren Ruhm verdient hatten.

    Sie selbst waren nicht mit nach Shäekara gesegelt.


    Ihr Kurs war der zurück nach Aventurien, um den Seelenstein Urukars in die weltenentfernte Heimat zu bringen.

    Ob es ein längerer Abschied war, konnte sie nicht sagen. Sie hatte Freunde gewonnen in dieser fremdartigen Globule – den strammen Antonius ( Antonius ), einen Haufen gemütlicher Zackenberger – darunter gerade Avon ( Sascha ) -, Turan ( Turan Solas ), Boras, Alberich, Tsadan ( Tsadan ) – die lustigen Golgariten (und sie hatte eine Schwäche für Golgariten!), die nette Rondra-Amazone, die grünen Grünaus, den hübschen Baron mit dem Federhut, Luca ( Shui ) - die gar keine Rondranovizin war, auch wenn sie so aussah und noch ganz viele mehr. Es war eine Welt in der Elemente herrschten und in der Wesenheiten zu Mitstreitern zählten, die in Aventurien für einen Aufmarsch des Bannstrahls gesorgt hätten.


    Woran sie stets dachte war, dass es jetzt nach Hause ging.

    In etwa einem Mond würden sie wieder aventurische Gewässer sehen, zum Frühjahrsbeginn etwa, Ende Tsa. Tauwetter würde sie an den südthorwalschen Fjorden begrüßen.

    Und auch wenn sie ein Schauer der Erleichterung durchatmen ließ, wollte die Beklommenheit nicht gänzlich weichen.

    Die Steineichenplanken waren frisch geschrubbt, herausgeputzt für ihr Wiedersehen mit den vertrauten Gefilden.

    Jetzt waren sie wieder unter sich. Es war immer noch thorwalsch-laut unter den Rekkern, mal ein rauhes Lachen, ein spröder Scherz, ein gemeinschaftliches Lied (wie sie die Lieder zu singen liebte!) – aber der Lärm des Kampfes, der ihr so lange in den Ohren geklingelt hatte, ebbte ab und ging verloren in dem gleichmäßigen Rauschen des Ozeans unter den Planken.

    Nicht alle waren mitgekommen, um Urukar ( Urukar Belfionnson ) die letzte Ehre zu erweisen. Nebbi war dort drüben geblieben, war es doch seine Pflicht all den umherliegenden Haufen von Verletzten beizustehen. Sie hatte sich schwer von ihm trennen können (auch wenn sie das niemals zugegeben hätte), und nicht ohne ihn zu zwingen, noch einmal kurz das blöde Stirnband aufzusetzen, das ihm nicht stand.

    Auch Ragnar Grimarson blieb zurück – sie hatten schnell zwischen Steg und Bord noch einen zusammen getrunken. Und sie hatte ihm versprochen, neues Prem-Feuer von Zuhause mitzubringen, wenn sie wiederkam.

    William hatte sie ebenfalls nicht begleitet – er hatte wohl eine Bauerstochter oder sowas in Zackenberg kennengelernt und sein Augenmerk auf die aktuelle Wichtigkeit versteift. Sie hatte aufgehört die Nummern seiner Frauen zu zählen, sie war des Spiels überdrüssig geworden, bei all dem Blut.


    Sie hoffte, sie hatte sich selbst im Kampf ausreichend bewiesen.
    Ein Preis, den sie bezahlt hatte, ein Andenken an Mythodea war der Verlust ihrer Ohrspitzen.
    Khaid hatte versucht sie durch die Ohren eines Toten zu ersetzen – eine Weile hatte es den Anschein gehabt, als würde ihr Körper den des fremden Elfen annehmen… Aber dann – hatte es sich entzündet und sie waren abgestoßen worden. Sie hütete dieses kleine Geheimnis mit Khaid. Niemand sonst sollte wissen, wie er versucht hatte, ihr das Ohrgespitz zu bewahren.


    Durchatmend beobachtete sie den Sonnenuntergang im Westen, auf den sie direkt zuhielten. Sie würden zuerst das Perlenmeer sehen. Auch wenn die Ostküste früher so weit weg von Thorwal gewesen war, hatte sie jetzt das Gefühl, sie sei gleich nebenan. Vielleicht konnten sie nebenbei ja noch einen al’anfanischen Skakmadr von Sklavenschinder zu Efferd schicken..

    Sie hielt ihre Nase in den Wind und schloss die Augen. Ihr fehlte deftiges, vor Fett nur so triefendes Essen. Das Wasser floss ihr im Mund zusammen – wie hatte sie getrockneten Fisch satt!

    Garion ( Claas ) trat an ihre Seite, ganz nach vorn ins Boot, wo sich der stilisierte Drachenkopf erhob und die hölzerne Zunge dem Ziel entgegenreckte. Sie linste zu dem langjährigen Freund, hob einen Mundwinkel und hieb ihm spaßhaft den Ellenbogen in die Seite – zum Glück wusste sie, dass er an Bord keine Rüstung trug.

    „Und..? Was meinst du…?“ versuchte sie langsam, „Fährst du irgendwann nochmal zurück?“

    Sie glaubte nicht daran.

    „oder hast du es auch gemerkt..? Unser Küken ist groß, Hörnchen. Es hat Flügel und fliegt schon furchtbar hoch, auch wenn es seinen Hort an das Schwarze Eis verloren hat. Es hat schöne Federn bekommen, nicht wahr?“

    Sie lächelte ihn so schief an wie immer, die runden Augen halb in Wehmut, halb in stolz.

    Auf die Aventurische Allianz, dachte sie still und heftete ihren grünen Blick wieder an die Verschmelzung von Himmel und Meer.

  • Die niedrig stehende Wintersonne hatte nur wenig Licht auf die Schiffe geworfen, die sich mit der Hilfe einer kräftigen Brise den Fluss entlang bewegt hatten. Sie hatte es schwer gehabt durch den aufsteigenden Rauch der beschädigten Verteidigungsanlagen Neu-Zackenbergs zu dringen.
    Mit versteinerter Miene hatte Garion das erste Gewimmel der feindlichen Truppen in den Straßen der Siedlung betrachtet, als die Otta in aller Eile abgelegt hatte.


    Das endgültige Ende der Scholle in der Freyenmark lag mehrere Monate zurück, aber bis heute konnte er das Donnern der Geschütze hören, dass die Ankunft der Evakuierungstruppen angekündigt hatte. Noch immer biss ihm der Geruch des Rauchs in der Nase, wie zu der Zeit als er neben Antonius die Breschen gefüllt hatte. „Damit andere leben können.“, schoss es ihm durch den Kopf, während er auf die scheinbar endlosen Wellen um das Schiff herumblickte.

    Betrübt schüttelte er den Kopf. Die Verluste bei diesem letzten Gefecht waren hoch gewesen wie selten zuvor. Beinahe die Hälfte aller verfügbaren Truppen war aufgerieben worden, als sie im Hafen auf ihre Rettung gewartet und ihn mit allem verteidigt hatten, was ihnen zur Verfügung stand. Der Widerstand der Aventurier war mit jeder Stunde verzweifelter geworden, aber die Menschen um ihn herum hatten gezeigt, was ihre Rasse derart erfolgreich machte. In einer Situation wie dieser hatte sich das Beste in ihnen gezeigt. Und die Angriffe des Schwarzen Eises hatten erhebliche Mängel in ihrem taktischen Verständnis offenbart oder vielleicht auch nur in ihrem Verständnis für Menschen.

    Wann immer man einen Feind bekämpfte war es notwendig ihm einen Fluchtweg zu lassen – und sei es nur zum Schein. Denn sobald den Truppen des Gegners bewusst war, dass es kein Entkommen gab hatten sie nichts mehr zu verlieren – nur noch zu gewinnen. Und so war es auch denen ergangen, die das Hafenviertel gehalten hatten. Wo die Optionen nur noch aus „Sterben“ und „einen möglichst erbitterten Kampf liefern“ bestanden, hatten die Angreifer mit schweren Verlusten zu rechnen.

    Er rieb sich über die Stirn und sah zu den Wimpeln hinauf, die knallend an der Mastspitze im Wind flatterten und damit das Rauschen des Meeres übertönten. Neben der Schwalbe und dem Zeichen Asleifs hatte er die Stofftasche für sein Vademecum mit dem prangenden Rondrasymbol befestigt. Das war das was einem Wappen oder Wimpel am nächsten kam – und hier an Bord benötigte er ihn nicht. Auf diese Weise war sichergestellt, dass die Schiffe denen sie in heimischen Gefilden begegneten nicht augenblicklich gefechtsklar gemacht wurden, weil sie einen thorwalschen Angriff erwarteten. Sich dem Kontinent von Osten zu nähern bedeutete zwar, dass spätestens bei der Umrundung der Südspitze Aventuriens – dem Eintritt in das Perlenmeer – auch sein Wimpel keine Kämpfe zwischen der Otta und ihren al’anfanischen Erzfeinden mehr würde verhindern können, aber nach der langen Überfahrt würde auch eine kurze Zeit relativen Friedens eine Hilfe sein.

    Er nahm seine Hände vom Dollbord vor sich und wendete seinen Blick in den Bug des Schiffes, wo er die Gestalt Lanyanas ausmachte. Sicher hatten die Kämpfe und der Verlust an Leben auch sie getroffen, aber zumindest äußerlich hinterließ sie den Eindruck damit einigermaßen zurecht zu kommen. Sie noch am Leben zu wissen, ließ sein Herz leichter werden. Er hatte schon Freunde im Gefecht verloren und es war nichts, das er wieder erleben wollte. Davon abgesehen war sie eine zentrale Figur der Ottajasko geworden. Wo der Verlust anderer Mitglieder ein persönlicher Schlag für die Individuen der Gemeinschaft war, hätte der Tod der Halbelfe für die Gemeinschaft als Ganzes eine Katastrophe bedeutet.


    Er lächelte, als er neben sie trat und ihr spitzer Ellenbogen seine ungeschützte Seite traf. Sie wusste genau, dass er an Bord keine schwere Rüstung trug und hatte schon seit ihrer ersten Begegnung ihre Späße mit ihm getrieben. Mochten sie ihn zu Beginn noch gestört haben, hatte er sie inzwischen nicht nur akzeptiert sondern sich der Erkenntnis gebeugt, dass er sie schmerzlich vermissen würde, sollten sie ausbleiben.

    „Und...? Was meinst du?“, fragte die kleinere Frau ihn mit gehobenem Mundwinkel. „Fährst du irgendwann nochmal zurück?“ Eine kurze Pause trat ein, in der er ihr nahes Gesicht eingehend betrachtete. Während sie weiter sprach erblühte dort ein schiefes Lächeln. „Oder hast du es auch gemerkt...? Unser Küken ist groß, Hörnchen. Es hat Flügel und fliegt schon furchtbar hoch, auch wenn es seinen Hort an das Schwarze Eis verloren hat. Es hat schöne Federn bekommen, nicht wahr?“

    Das Lächeln wollte ihre Augen nicht zur Gänze zu erreichen. Sicher – er sah Stolz in dem Grün, aber er sah auch etwas anderes: Wehmut. Lanyana war keine Reisende. Sie schloss zwar schnell Freundschaften, aber sie zurück zu lassen schmerzte sie. Und damit war sie keineswegs allein.

    Während er über seine Antwort nachdachte, sah er vor seinem inneren Auge Gesichter vorbeiziehen. Urukar Belfionnson , Nebbi der Perainegeweihte, Antonius der Feldherr, Sascha mit seinen Bannerrats-Insignien, die Golgariten Turan Solas , Tsadan und Alberich, Stordan von Zackenberg und Tsaja , die Magier Vergus Dalanea und Eslam ( Eslam Ernbrecht Hesindian von und zu Gareth ), Baron Sal und seine Männer. Einige von ihnen würden noch Nachrichten erhalten, wenn er auch nicht sicher war, ob ihn die Antworten jemals erreichen würden.

    Seine Mundwinkel zuckten in die Höhe und erweichten die sonst ernsten Züge des Ardariten. „Die Aventurische Allianz braucht uns nicht mehr, ja. Sie ist kräftig genug, um auch ohne uns zu bestehen, hat Freunde gewonnen und Feinde gesehen. Sie findet einen neuen Hort und sie wird das Beste daraus machen.“

    Langsam wendete er ihr seine Front zu, ehe er die Daumen in seinen Waffengurt schob. „Ob ich noch einmal zurückkehre?“ obgleich das Lächeln auf seinen Lippen einen Hauch von Melancholie zu zeigen schien, blieb es bestehen. „Dein Kind bleibt dein Kind – gleich wie alt und hoch gewachsen es ist, meinst du nicht? Gerät es in Gefahr und ruft nach mir – dann komme ich.“


    Sein Blick löste sich von den Zügen der Halbelfe und glitt zurück über die Wellen. „Aber ich glaube nicht, dass das allzu bald geschieht. Vielleicht nie. Und es gibt hier genug zu tun. Sobald wir in Thorwal sind werde ich Urukars Erbe an mich unter den Mitgliedern der Ottajasko verteilen, sodass es allen zugutekommt, die es brauchen. Und sobald das getan ist, reise ich nach Süden – nach Baburin. Das Schwert der Schwerter wird einen Bericht von mir und Konstantin ( Shekki ) wollen. Und ich muss herausfinden, ob Bibernell den Tod ihres Vaters verarbeitet hat oder ob er ihr einen gefährlichen Antrieb geben wird.“

    Er ließ die Worte einen Augenblick zwischen ihnen schweben, ehe er eine einzige Frage anfügte, während die kalte Gischt des Kielwassers ihm ins Gesicht spritzte. „Begleitest du mich?“

  • OT

    Kämpfe für den Sieg, Siege für den Kampf

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